Zeitgeist

Samet Balci

Philosoph, islamischer Theologe, Doktorand der islamischen Philosophie

Islām in der modernen Welt

Einleitung

Mit rund 2 Milliarden Anhängern ist der Islām die zweitgrößte Weltreligion. Die Geschichte der islāmischen Zivilisation war über Jahrhunderte hinweg von enormer kultureller und wissenschaftlicher Blüte geprägt. Doch in der modernen Welt scheint die islāmische Religion weitgehend den Anschluss verloren zu haben. Während der Westen und seine moderne Weltanschauung fortwährend von Fortschritt und Innovation geprägt sind, wird der Islām oft als rückschrittlich und als Gegensatz zur Moderne wahrgenommen. Musliminnen und Muslime sehen sich in der heutigen Zeit mit einer schwierigen Herausforderung konfrontiert: Sie müssen einen Spagat zwischen den Traditionen ihrer Religion und den Anforderungen der modernen Welt leisten. Diese Kluft hat sich seit den ersten Begegnungen der islāmischen Welt mit der westlichen Zivilisation im 18. Jahrhundert weiter vertieft. Spätestens mit Napoléons (gest. 1821) Feldzug in Ägypten wurde das Machtgefälle zwischen den europäischen Kolonialmächten und der islāmischen Welt deutlich sichtbar.1 Diese Erfahrung – und die fortdauernde Überlegenheit des Westens – erschütterte das islāmische Selbstverständnis tiefgreifend und löste eine bis heute andauernde Suche nach Erneuerung und Wiedergewinnung einstiger Stärke aus. In seinem Werk Clash of Civilizations beschrieb Samuel Huntington (gest. 2008) einen tief verankerten Konflikt zwischen der islāmischen und der westlichen Welt und entwickelte die These einer weitgehenden Inkompatibilität beider Zivilisationen.2 Daraus folgt eine unüberbrückbare Inkompatibilität. Wie aber kam es dazu, dass der Islām als Fremdkörper in der Moderne wahrgenommen wurde und wie können sich Musliminnen und Muslime aus dieser Misere befreien?

Hauptteil

Einige Autorinnen und Autoren sehen in der Moderne eine Weltanschauung, die von einer grundsätzlichen Ablehnung der Traditionen und der Religionen geprägt ist (sogenannte Traditionalisten).3 Aus dieser Perspektive hat die Moderne das Religiöse und die alten Traditionen verdrängt. Der Mensch hat sich zunehmend von einer spirituellen Perspektive entfernt, und die Welt ist zu einem materialistischen Raum geworden, der von Rationalität und Technik dominiert wird.4 Diese Veränderung ist nicht nur mit einem Verlust religiöser Prinzipien, sondern auch mit einer tiefen Entmenschlichung der Gesellschaft verbunden. In einer Welt, die von Wirtschaft, Konsum und technologischer Innovation geprägt ist, geht der Blick für das Spirituelle, das Transzendente und das Gemeinsame weiter verloren.5 Für viele Musliminnen und Muslime bedeutet dies, dass die moderne Welt die Verbindung zur Transzendenz, die im Islām durch die Offenbarung repräsentiert wird, abgetrennt hat. Die Beziehung zum Schöpfer, zur Natur und zu den Mitmenschen hat sich in vielen Teilen der Welt fundamental verändert, was zu einer tiefgreifenden Krise der Menschheit geführt hat.6 Der Kosmos wird als ein System wahrgenommen, das sich vom Göttlichen entfernt hat und in dem das Weltliche und das Transzendente zunehmend getrennt sind.

In diesem Zuge treten Religionen in einen Prozess der Anpassung ein, wie es beispielsweise durch das aggiornamento (Anpassung an heutige Verhältnisse) der katholischen Kirche deutlich wird. Diese Sichtweise des Niedergangs der Transzendenz in der modernen Welt wird von einigen Intellektuellen wie Seyyed Hossein Nasr geteilt, die in der westlichen Welt eine zerrüttete spirituelle Basis wahrnehmen, die die universellen und zeitlosen Wahrheiten der islāmischen Offenbarung vernachlässigt.7 Sie sehen diese göttlichen Wahrheiten als unveränderlich und weiterhin von Bedeutung für die Lösung der Herausforderungen der Menschheit.8 Das moderne, materialistische Weltbild wird als unzureichend erachtet, da es die spirituellen und metaphysischen Dimensionen des Lebens unberücksichtigt lässt. Der Islām ist heute mit seinen Anhängern auf nahezu allen Kontinenten vertreten, doch die Art und Weise, wie die Religion in verschiedenen Regionen praktiziert wird, variiert erheblich. In vielen muslimischen Ländern gibt es fundamentale Herausforderungen, die es erschweren, die islāmische Religion im jeweiligen Kontext zu integrieren. Diese Herausforderungen werden häufig auf die tiefgreifenden Folgen der Kolonialisierung zurückgeführt, die nicht nur die politischen und sozialen Strukturen in den islāmischen Ländern destabilisierten, sondern auch die intellektuelle Tradition des Islām beeinträchtigten. Gelehrsamkeit und wissenschaftliche Exzellenz, die einst die islāmische Zivilisation prägten, sind in vielen Teilen der muslimischen Welt heute verloren gegangen.9

Auf diese Spannung zwischen Tradition und Moderne hat die islāmische Welt auf unterschiedliche Weise reagiert. Zwei zentrale Reaktionsmuster lassen sich hervorheben10:

1. Rückkehr zu den Ursprüngen der Religion

Die erste Reaktion auf die Modernisierung des Islāms ist die Rückbesinnung auf die ursprünglichen Quellen des Islāms – den Qurʾān und die Hadithe (Überlieferungen des Propheten Muḥammad ﷺ (Allāh segne ihn und spende ihm Heil)). Diese Haltung zeigt sich in den verschiedenen islāmischen Reformbewegungen wie der Wahhābiyya, Neo-Wahhābiyya, Salafiyya oder Dībāndiyya. Die Anhänger dieser Bewegungen sind der Meinung, dass der Islām in seiner ursprünglichen Form nicht nur die einzige wahre Religion darstellt, sondern auch der Schlüssel zur Lösung der Probleme der Moderne ist. Es wird davon ausgegangen, dass die Muslime aufgehört haben, den Islām richtig zu praktizieren, und dass sie zur ursprünglichen Praxis zurückkehren müssen, um die nicht-islāmischen Kräfte zu besiegen und der Strafe Allāhs für ihre Vernachlässigung der Religion zu entkommen. Diese Rückkehr zu den Ursprüngen zeigt sich in der Betonung einer reinen Form des Islāms und einem rigorosen Ablehnen von Innovationen und abweichenden Strömungen, die sich über die Jahrhunderte hinweg entwickelt haben. Diese Bewegung manifestiert sich auch in weniger bekannten inneren Wiederbelebungen innerhalb der Ṣūfī-Orden oder in der Etablierung neuer Ordensgemeinschaften wie der Darqāwiyya und Ṭijāniyya in Marokko und Westafrika oder der Sanusiyya in Libyen.

2. Anpassung des Islāms an die Moderne

Die zweite Reaktion ist eine Anpassung des Islāms an die Anforderungen der modernen Welt. Besonders in Ländern wie der Türkei und dem Iran vor der Revolution wurde dieser Ansatz verfolgt.11 Die Idee ist, dass der Islām nicht nur in der Vergangenheit verwurzelt sein sollte, sondern auch die Herausforderungen der Gegenwart annehmen muss. Die islāmische Botschaft müsse verändert, modifiziert oder reformiert werden, um sich den modernen Bedingungen anzupassen und die westliche Dominanz zu überwinden. Dies führte zu verschiedenen modernen Bewegungen in der islāmischen Welt, die von der Französischen Revolution, dem Rationalismus und weiteren Strömungen von Denkern wie Descartes, Voltaire und später auch Locke, Hume und Bergson beeinflusst wurden. So entstand im arabischen Raum ein liberaler Islām, der versuchte, die moderne westliche Rationalität mit den islāmischen Prinzipien in Einklang zu bringen. Auch in der Türkei, Persien und auf dem indischen Subkontinent gab es moderne Bewegungen, die auf diese Art von Anpassung setzten. Die Herausforderung bestand darin, den Islām so zu reformieren, dass er mit den modernen westlichen Ideen und dem Fortschritt kompatibel wurde, ohne dabei die fundamentalen religiösen Prinzipien zu gefährden.

Die zwei Reaktionen der Muslime auf die Moderne sind nach wie vor ein fortlaufender Suchprozess, in dem nach Wegen gesucht wird, den Anschluss an den Westen zu finden. Zwischen diesen zwei Reaktionen gibt es noch zahlreiche andere Methoden und Bewegungen.  Besonders schwierig erweist sich dieser Prozess in vielen muslimischen Ländern, da dort Bildung sowie die Förderung von kritischem Denken und Autonomie häufig unterdrückt werden.12 Dies hat zur Konsequenz, dass wenige intellektuelle Denker hervorgebracht werden können, die eine Verbesserung des gegenwärtigen Zustandes herbeiführen können. Im Gegensatz dazu erscheint die Situation für Musliminnen und Muslime in der Diaspora, insbesondere in westlichen Gesellschaften, vielversprechender. Im Gegensatz zu den meisten muslimischen Ländern ist eine bessere Schulbildung und der Zugang zu Universitäten gegeben, wodurch kritische Denker eher ausgebildet werden können.13 Wie kann aber eine solche Methode einer gesunden Symbiose zwischen Islām und Moderne für hiesige Muslim:innen im konkreten und Musliminnen und Muslime im Westen aussehen?

Ansprüche an die intellektuellen Musliminnen und Muslime der Zukunft

Vor diesem Hintergrund ergeben sich drei zentrale Ansprüche an die zukünftigen Musliminnen und Muslime:

  1. Wiederbelebung des Islām und der Gelehrsamkeit: Eine der wichtigsten Aufgaben der Musliminnen und Muslime in der Moderne besteht darin, die islāmische Theologie und ihre intellektuellen Traditionen wiederzubeleben. Dies erfordert eine kritische Auseinandersetzung mit den alten Systemen in der Wechselwirkung mit ihren Kontexten und Gesellschaften und zudem mit den Brüchen und Herausforderungen, die durch die Kolonialisierung und die Zerstörung der islāmischen Gelehrsamkeit entstanden sind.
  2. Adaption der Moderne: Ein weiterer wichtiger Anspruch ist die Erschließung der modernen Welt und ihrer Entstehungskultur. Musliminnen und Muslime müssen ein besseres Verständnis für die westliche Zivilisation entwickeln und sich mit ihr auf intellektueller Ebene auseinandersetzen. Nur so können sie einen Dialog zwischen der islāmischen und der westlichen Welt führen und die Herausforderungen der Moderne aus islāmischer Perspektive angehen.
  3. Verbesserung und Anwendung: Schließlich geht es darum, Lösungen für die Probleme der Moderne aus der Perspektive der Musliminnen und Muslime heraus zu entwickeln. Hierbei spielen die Prinzipien der islāmischen Weisheit, wie sie etwa von al-Gazālī (gest. 1111 n. Chr. | 505 n. H.) formuliert wurden, eine zentrale Rolle.14 Musliminnen und Muslime können dadurch ihren Beitrag leisten, mit Problemen, Herausforderungen und Schwächen der modernen Welt umzugehen und auf der Grundlage ihrer eigenen Traditionen und Werte im Lichte der kontextuellen Realitäten Verbesserungen vorzuschlagen.

Schluss

Insgesamt zeigt sich, dass der Islām in der modernen Welt vor enormen Herausforderungen steht. Der Konflikt zwischen Tradition und Moderne, zwischen religiösen Werten und den Anforderungen einer sich ständig verändernden Welt, ist nach wie vor präsent. Als Reaktion sind mitunter zwei Bewegungen entstanden, die versuchen den Islām wieder salonfähig in die Moderne zu integrieren bzw. die Moderne abzulehnen. Wie Seyyed Hossein Nasr betont, braucht es Menschen, die in der islāmischen Tradition verwurzelt sind und aus dieser Perspektive die westliche Welt studieren, um eine produktive und respektvolle Auseinandersetzung mit der Moderne zu ermöglichen.15

Literaturverzeichnis

Abou El Fadl, Khaled (2004). Islam and the Challenge of Democracy. New Jersey.

Al-Ghazālī, Abū Ḥāmid Muḥammad (1987). Der Erretter aus dem Irrtum (al-Munqidh min ad-dalāl). Übers. und hrsg. von Abd-Elsamad Abd-Elhamid Elschazli. Hamburg: Felix Meiner Verlag.

Esposito, John L. (2011). Islam: The Straight Path. 4. Aufl. Oxford: Oxford University Press.

Hanioglu, M. Sükrü (2008). A Brief History of the Late Ottoman Empire. Princeton: Princeton University Press.

Hefner, Robert W. (Hrsg.) (2010). The New Cambridge History of Islam. Volume 6: Muslims and Modernity: Culture and Society since 1800. Cambridge: Cambridge University Press.

Hourani, Albert (1983). Arabic Thought in the Liberal Age, 1798–1939. Cambridge: Cambridge University Press.

Huntington, Samuel P. (1996). The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order. New York: Simon & Schuster.

Nasr, Seyyed Hossein (2001). Islam and the Plight of Modern Man. Chicago.

Nasr, Seyyed Hossein & Muzaffar Iqbal (2007). Islam, Science, Muslims, and Technology: Seyyed Hossein Nasr in Conversation with Muzaffar Iqbal. Kuala Lumpur.

Prince Ghazi bin Muhammad (2019). A Thinking Person’s Guide to Our Times. London: White Thread Press & Turath Publishing.

Sahin, Abdullah (2018). “Critical Issues in Islamic Education Studies: Rethinking Islamic and Western Liberal Secular Values of Education.Religions, 9: 335.

Sedgwick, Mark (2019). (Übers. Nadine Miller). Gegen die moderne Welt: Die geheime Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts. Berlin: Matthes & Seitz.

Zaytuna College (2025). “The Importance of Being Earnest about Islamic Philosophy.Renovatio. https://renovatio.zaytuna.edu/article/the-importance-of-being-earnest-about-islamic-philosophy (Zugriff: 29.07.2025).


  1. Hourani, Albert (1983). Arabic Thought in the Liberal Age, 1798–1939. Cambridge: Cambridge University Press. ↩︎
  2. Esposito, John L. (2011). Islam: The Straight Path. 4. Aufl. Oxford: Oxford University Press; Huntington, Samuel P. (1996). The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order. New York: Simon & Schuster. ↩︎
  3. Sedgwick, Mark (2019). (Übers. Nadine Miller). Gegen die moderne Welt: Die geheime Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts. Berlin: Matthes & Seitz. ↩︎
  4. Nasr, Seyyed Hossein & Muzaffar Iqbal (2007). Islam, Science, Muslims, and Technology: Seyyed Hossein Nasr in Conversation with Muzaffar Iqbal. Kuala Lumpur. ↩︎
  5. Ebd. ↩︎
  6. Nasr, Seyyed Hossein (2001). Islam and the Plight of Modern Man. Chicago. ↩︎
  7. Ebd. ↩︎
  8. Ebd. ↩︎
  9. Auch wenn an vielen Stellen die Ursachen, Herausforderungen und Probleme der „Muslime in der Gegenwart” von dem Autor in verkürzter Form dargestellt werden, bieten diese doch einen guten Überblick über den Zustand der Muslime in der „Modernen Welt“: Prince Ghazi bin Muhammad (2019). A Thinking Person’s Guide to Our Times. London: White Thread Press & Turath Publishing. ↩︎
  10. Die Reaktionen der „muslimischen Welt“ auf die Moderne wird ausführlich durch unterschiedliche Beiträge in dem folgenden Werk zusammengetragen, das als Referenz für diesen Beitrag herangezogen wurde: Hefner, Robert W. (Hrsg.) (2010). The New Cambridge History of Islam. Volume 6: Muslims and Modernity: Culture and Society since 1800. Cambridge: Cambridge University Press. ↩︎
  11. Hanioglu, M. Sükrü (2008). A Brief History of the Late Ottoman Empire. Princeton: Princeton University Press. ↩︎
  12. Sahin, Abdullah (2018). “Critical Issues in Islamic Education Studies: Rethinking Islamic and Western Liberal Secular Values of Education.Religions, 9: 335. ↩︎
  13. Abou El Fadl, Khaled (2004). Islam and the Challenge of Democracy. New Jersey. ↩︎
  14. Die Prinzipien des al-Ġazālī, wie er auf Basis der religiösen Quellen und der Vernunft Lösungen und Perspektiven auf zeitgenössische Probleme und Herausforderungen geleistet hat, liegen nicht in einer einzelnen Schrift vor. Diese sind anhand seiner Biographie und seiner zahlreichen Schriften abzuleiten. Einen guten Einblick leistet für den Anfang die philosophische Autobiografie: Al-Ghazālī, Abū Ḥāmid Muḥammad (1987). Der Erretter aus dem Irrtum (al-Munqidh min ad-dalāl). Übers. und hrsg. von Abd-Elsamad Abd-Elhamid Elschazli. Hamburg: Felix Meiner Verlag. ↩︎
  15. Zaytuna College (2025). “The Importance of Being Earnest about Islamic Philosophy.Renovatio. https://renovatio.zaytuna.edu/article/the-importance-of-being-earnest-about-islamic-philosophy (Zugriff: 29.07.2025). ↩︎