Einleitung
Europa versteht sich seit jeher als Erbe einer doppelten Tradition: der griechisch-römischen Antike und der judeo-christlichen Tradition. Diese Erzählung hat sich tief in das kulturelle Selbstverständnis, die Schulbücher, die westliche Bildungssphäre, die politische Rhetorik und die institutionellen Narrative des Westens eingeschrieben. Was in dieser doppelten Geschichtserzählung jedoch häufig untergeht, ist ein drittes, nicht minder prägendes Erbe. Die Rede ist vom islamischen Erbe. Der Islam erscheint in vielen eurozentrischen Geschichtsnarrativen als Fremdkörper, als Gegenbild oder gar Antagonist der westlichen Moderne. Dadurch wird maßgeblich die historische Bedeutung verzerrt. Die islamische Zivilisation hat über Jahrhunderte hinweg in Wissenschaft, Philosophie, Medizin, Architektur und Theologie einen bedeutenden Einfluss auf die Wissenschaftsgeschichte genommen. Doch wie tragfähig ist die These der Einflussnahme? Ist das islamische Erbe tatsächlich ein konstitutiver Bestandteil der europäischen Geistes- und Wissenschaftsgeschichte – oder handelt es sich um eine überzogene Gegenreaktion auf eurozentrische Narrative?
Die Beantwortung dieser Frage könnte neue Perspektiven auf das kulturelle Gedächtnis Europas eröffnen und das Verständnis seiner Identität grundlegend erweitern.
Hauptteil
Der islamischen Welt gelang es im 8. Jahrhundert, eine beispiellose Übersetzungsbewegung unter der Schirmherrschaft der Abbasiden zu bewerkstelligen. Nahezu das gesamte schriftliche Erbe der vorislamischen Zeit (>überwiegend griechische Werke, aber auch syrische, persische und indische Werke<) lag bis zum 10. Jahrhundert in arabischer Sprache vor. Diese Phase der „translatio studii“ (intensiven Aneignung) bildete das intellektuelle Fundament für eine eigene islamische Denktradition, in der Philosophie, Medizin, Mathematik, Astronomie, Musiktheorie und in weiteren Disziplinen in nie dagewesenem Maße gedeihen konnten. In der europäischen Rezeptionsgeschichte begegnete man sehr lange der Ansicht, dass die islamische Zivilisation nur die vom Altertum übersetzen Werke bewahrt und zu einem späteren Zeitpunkt schließlich in die europäischen Sprachen zu übertragen ermöglicht habe. Entsprechend finden wir bei zahlreichen Intellektuellen und Historikern des 19. und 20. Jahrhunderts diese Ansicht. In dem prestigeträchtigen Buch „Philosophie des Abendlandes“ (History of Western Philosophy) erzählt Bertrand Russell – einer der wichtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts, die Philosophie des Abendlandes. In seinen etwa knapp 850 Seiten räumt er keine 10 Seiten der „Mohammedanischem Kultur und Philosophie“ ein. Daraus lässt sich bereits unmissverständlich nach einem der führenden Intellektuellen des 20. Jahrhunderts verstehen, dass die islamische Zivilisation für die Stiftung einer Philosophie im Abendland eine äußerst periphere bis keine Rolle gespielt hat. Die sogenannte Blütezeit der islamischen Zivilisation sei in der Zeit des Kalifen Hārūn ar-Rāšīd (766-809) eingetreten und „nur von kurzer Dauer“ gewesen (Russell, 2000, S. 352, 353.). Der Schreibstil Russells ist durchweg geprägt von einer eurozentrischen und rassistischen Haltung gegenüber der islamischen Zivilisation. Er resümiert schließlich: „Die eigenen Gedanken in der arabischen Philosophie sind nicht sehr bedeutend. Männer wie Avicenna und Averroes waren hauptsächlich Kommentatoren. In grossen Zügen stammen die logischen und metaphysischen Anschauungen der wissenschaftlicheren Philosophen von Aristoteles und den Neuplatonikern, die medizinischen von Galenos, die mathematischen und astronomischen aus griechischen und indischen Quellen, und in der Religionsphilosophie der Mystiker sind auch Spuren altpersischen Glaubens zu bemerken.“ (Russell, 2000, S. 356). Wenn jedoch von Russell in seinen Recherchen Originalität in der islamischen Zivilisation entdeckt wurde, wurde es mit dem Zufall erklärt: „Arabische Autoren bewiesen einige Originalität auf dem Gebiet der Mathematik und Chemie — dies als Zufallsergebnis alchimistischer Forschungen.“ (Russell, 2000, S. 356,7). Bertrand Russell erklärt abschließend, dass die islamische Zivilisation nur bedeutend gewesen ist, weil sie zwischen der alten und der modernen europäischen Kultur als Vermittlerin fungiert hat (Russell, 2000, S.357).
Eine solche passive Zuschreibung der islamischen Zivilisation und der regelrecht nur Konservierung des Wissens aus dem Altertum wurde in vielfältiger Hinsicht durch neuere Forschungen erschüttert (Gutas, 2006; Hasse, 2016). Fuat Sezgin führt aus, dass die islamische Zivilisation 800 Jahre lang „eine kreative und innovationsreiche Periode der Wissenschaftsgeschichte geprägt“ hat (Sezgin, 2003). Der islamische Raum fungierte dabei nicht eben bloß als Bewahrer antiken Wissens, wie es ältere eurozentrische Narrative suggerierten (vgl. E. Wiedemann 1917), sondern entwickelte dieses Wissen substanziell weiter. Die Großstädte wie Córdoba, Bagdad oder Kairo zeichneten sich durch zivilisatorische Standards aus – gepflasterte Straßen, Straßenbeleuchtungen, öffentliche Bibliotheken, Krankenhäuser, Kanalisation –, die in Europa erst im 19. Jahrhundert bezeugt sind (Hendrich, 1997). Erst durch das fundamentale Werk Saids konnte allmählich die Dimension des eurozentristischen Bildes vom Orient erfasst werden. Mittlerweile gehen Historiker davon aus, dass sich die produktive Phase des Islam nicht nur bis zum 12. Jahrhundert andauerte, sondern mindestens bis zum 16. Jahrhundert erstreckt. Selbst solche Datierungen bedeuten nicht, dass es hiernach keine geistigen Anstrengungen gegeben hat.
Die zweite Übersetzungsbewegung: Arabisch–Lateinisch
Ausschlaggebend für die Rezeption der arabischen Wissenschaftskultur ist die sogenannte zweite Übersetzungsbewegung, die aus zwei Zeitspannen besteht. Durch die Expansionsbewegungen der islamischen Zivilisationen wurde zeitweise die iberische Halbinsel (8.-15. Jhd.) und Sizilien (9.-11. Jhd.) eingenommen. Es entwickeln sich in mehreren Städten wie in Cordoba, Toledo oder Palermo eine außerordentliche Hochkultur, die zu Zentren Europas wurden. Durch diese Weichenstellung wird es schließlich möglich, dass das Erbe der arabischen Wissenschaftskultur in die europäischen Sprachen übersetzt werden (Gutas, 2006). So beginnt im 12. Jahrhundert in Europa, vor allem in Toledo und Sizilien, eine große Übersetzungswelle. Werke der islamischen Philosophie, Medizin und Mathematik und des Altertums wurden vom Arabischen ins Lateinische übersetzt (Gutas, 2006). Im 13. Jahrhundert kommt schließlich die erste Übersetzungsspanne zum Erliegen und blüht erneut in der Renaissance vom 15. – 17. Jahrhundert. Beispielsweise spielen Gerard von Cremona (1114-1187) oder Dominicus Gundisalvi (1115-1190) bei der Übersetzungsschule von Toledo eine zentrale Rolle bei der Übertragung von naturwissenschaftlichen Werken und von Giganten der Wissenschaftsgeschichte wie al-Fārābī, Avicenna oder al-Ġazālī (Burnett, 2005). Zeitweise ist der Kontakt zwischen der abendländischen und morgenländischen Welt so ausgeprägt, dass beispielsweise Friedrich II. vom ayyubidischen Herrscher aṣ-Ṣāliḥ al-Ayyūb den bedeutenden Gelehrten Sirāǧ ad-Dīn al-Urmawī (1198-1283) für vier Jahre in Palermo empfängt (Akkanat, 2017). Europäische Gelehrte werden schließlich von Friedrich II. nach Palermo eingeladen, damit sie bei al-Urmawī studieren. Anhand al-Urmawī lässt sich sehr schön verdeutlichen, wie der Transfer der arabischen Wissenschaftskultur in die europäische Welt verkörpert wurde (Marlow, 2010). Al-Urmawī studierte bei dem berühmten Universalgelehrten Kamāl ibn Yūnus (1156-1242) und war zugleich Kommilitone von aṭ-Ṭūsī (1201-1274) und al-Abharī (1200-1264) – beides bemerkenswerte Wissenschaftler der islamischen Welt.
Die Haltung gegenüber der arabischen Wissenschaftstradition ist aber nicht durchweg positiv. Spätestens durch die Humanisten zeigt sich eine Aversion gegenüber den arabischen Autoren. Andere Autoren wiederum sind überflügelt von den Wissenschaftlern ihrer Nachbarn. Francesco Petrarca einer der wichtigsten Autoren der Renaissance (Humanismus-Renaissance) begründete eine geistige Strömung, die sich ausschließlich auf die antiken Quellen zurückziehen wollten (ad fontes): “I will hardly be persuaded that anything good can come from Arabia.“ (Burnett, 1997, S. 49-56.) Auf der anderen Seite weiß aber der Humanist Guillaume Postel (1510-1581) über die Qualitäten Avicennas zu berichten: “What you can see lucidly and clearly expressed in Avicenna on only one or two pages, Galen in his Asiatic manner hardly manages to comprise in five or six major volumes.” (Hasse, 2016, S. 411.)
Es steht in der Forschung außer Frage, dass die arabische Wissenschaftstradition einen erheblichen Einfluss auf das späte Mittelalter Europas ausgeübt hat. Nachdem die Texte der arabisch-sprechenden Autoren in Spanien und Italien übersetzt worden waren, erreichten sie die restlichen Zentren der europäischen Bildungseinrichtungen. Den höchsten Wirkungsradius erreichten die Werke jedoch im Zuge des 16. Jahrhunderts – das heißt in der Renaissance und der Blütezeit der europäischen Ideengeschichte.
Der gelehrte Buchsammler Amplonius Ratinck (gest. 1435) hinterließ eine Bibliothek mit 636 Handschriften, darunter 40 griechischen-, 35 pagan-römischen und 42 arabischen Ursprungs (Hasse, 2016, S. 3). Seine Bibliothek sei nach Dag Nikolaus Hasse typisch für einen gelehrten Menschen aus dem späten Mittelalter bzw. Beginn der Renaissance (Hasse, 2016, S. 3). Die arabische Kultur ist entsprechend mindestens genauso einflussreich und bedeutend gewesen wie die griechische oder die römische Kultur für Europa. Auch noch im 17. Jahrhundert ist das Ausmaß der arabischen Wissenschaftler erheblich. In diesem Jahrhundert waren 114 Editionen von Avverroes, 78 von Avicenna, 72 von Mesue und 67 von Rhazes gedruckt worden (Hasse, 2016, S. 294). Dag Nikolaus Hasse spricht von 44 arabischen Wissenschaftlern, die im 17. Jahrhundert auf Latein vorlagen (Hasse, 2016, S. 294).
Anhand der Anzahl der Editionen und der allgemeinen Rezeption der Ideen und Theorien von arabischen Wissenschaftlern lässt sich die Einflussnahme noch weiter konkretisieren. Nach Kurt Flasch ist die Phase der Aufklärung in den folgenden Jahrhunderten erst durch den muslimischen Philosophen Averroes möglich gewesen (Flasch, 1997). Nicht zu übersehen ist jedoch, dass die naturwissenschaftliche Revolution des 16. Und 17. Jahrhunderts und die Zeit der Aufklärung ab dem 17. Jahrhundert auf die intensivste Rezeptionsphase der arabischen Autoren zusammenfällt. Ein Thomas von Aquin, Duns Scotus oder Kopernikus sind alle von dem neuen wissenschaftlichen Paradigma der arabischen Wissenschaftskultur umhüllt und beeinflusst gewesen.
Schluss
Man würde die europäische Geschichte verkennen, wenn man ihr Erbe nur auf griechisch-römische Antike und der judeo-christlichen Tradition beschränken würde. Die europäische Identität und ihr Erbe sind deutlich komplexer. Die Vorstellung eines reinen, exklusiven Erbes entspricht keineswegs den Tatsachen. Arabische Wissenschaft und Philosophie sind nicht nur zwischen 12. – 17. Jahrhundert präsenter geworden, sondern hoch einflussreich und integraler Bestandteil der europäischen Renaissance und Geisteskultur.
Ein inklusiveres Geschichtsverständnis, das die islamische Tradition nicht als Fremdkörper, sondern als „verdrängtes drittes Erbe“ Europas erkennt, bietet die Chance, bestehende Stereotype zu überwinden und die kulturellen Grundlagen des heutigen Europas auf Grundlage der historischen Realitäten neu zu denken.
Literaturverzeichnis
- Akkanat, Hasan, Kâdî Sirâcuddîn el-Urmevî ve Okulu, in: Selçuklu Kadılarından Siraceddin el-Urmevî Sempozyumu Bildirileri, ed. Kamil Kömürcü, Sivas 2017, s. 9-22.
- Burnett, Charles. Petrarch and Averroes: An Episode in the History of Poetics, in: Macpherson, I./Penny, R. (Hg.), The Medieval Mind – Hispanic Studies in Honour of Alan Deyermond, London 1997.
- Burnett, Charles, Arabic into Latin – The Reception of Arabic Philosophy into Western Europe, IN: Adamson, Peter/Taylor, R., Cambridge Companion to Arabic Philosophy, Cambridge 2005, S. 370-404.
- Flash, Kurt / Jeck, Udo Reinhold: Das Licht der Vernunft – Die Anfänge der Aufklärung im Mittelalter. München 1997.
- Gutas, Dimitri, What was there in Arabic fort the Latins to Receive? Remarks on the Modalities of the Twelfth-Century Translation Movement in Spain, IN: Speer, Andreas/Wegener, Lydia, Arabisches Wissen und lateinisches Mittelalter, Berlin 2006.
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- Hasse, Dag Nikolaus: Success and Suppression – Arabic Sciences and Philosophy in the Renaissance. Cambridge 2016.
- Lorch, Richard: In: Fuat Sezgin – Wissenschaft und Technik im Islam, Frankfurt am Main 2003.
- Marlow, Louise, A Thirteenth-Century Scholar in the Eastern Mediterranean: Sirâj al-Dîn Urmavî, Jurist, Logician, Diplomat, Al-Masaq, sy. 22/3 (2010), s. 279-313.
- Sezgin, Fuat: Wissenschaft und Technik im Islam, Bd. I, Frankfurt a. M. 2003.