Kunst und Ästhetik

Bild von Christine Aisha Meier-Chaouki

Christine Aisha Meier-Chaouki

Islamwissenschaftlerin und Hispanistin (M. A.)/Researcher in Islam and hispanist

Von der Einheit zur Vielfalt

Einleitung

Der Islam entstand im siebten Jahrhundert auf der Arabischen Halbinsel und breitete sich von dort über weite Teile der Welt aus – von West- und Nordafrika über Teile Südeuropas und des Nahen Ostens bis nach China und Indonesien. Diese enorme geografische Ausdehnung brachte ganz verschiedene kulturelle Ausdrucksformen mit sich. Moscheen in Marokko sehen anders aus als in Bosnien oder Pakistan, und auch mit Blick auf Sprache, Essgewohnheiten, Kleidung und alltägliche Umgangsformen unterscheiden sich die verschiedenen Regionen zum Teil ganz erheblich. In dieser Vielfalt zeigt sich die Anpassungsfähigkeit und Flexibilität des Islams.
In diesem Artikel soll beleuchtet werden, wie der Islam sich an verschiedene Kulturen anpasst – nicht nur in traditionell islamisch geprägten Regionen, sondern auch im sogenannten Westen. Denn während die Eckpfeiler der Religion überall gleich sind – aš-šahāda (Glaubensbekenntnis), aṣ-ṣalāt (Gebet), az-zakāt (Armenabgabe), aṣ-ṣaum (Fasten) und al-ḥaǧǧ (Pilgerfahrt) –, ermöglicht der Islam zugleich eine bemerkenswerte Breite kultureller Ausdrucksformen.

Kulturelle Flexibilität unter dem Dach des Islam – vom Maghreb bis nach China

In der islamischen Theologie gibt es eine gemeinsame Grundüberzeugung des Glaubens und das Konzept der Umma (weltweite Gemeinschaft der Musliminnen und Muslime). Doch in puncto Kultur ist der Islam äußerst vielseitig. Ein Blick nach Mekka und Medina während des ḥaǧǧ (Pilgerfahrt), wo sich alljährlich Millionen von Gläubigen aus unterschiedlichsten Regionen, Kulturen und Sprachräumen versammeln, um den ḥaǧǧ zu verrichten, verdeutlicht dies. Trotz unterschiedlicher Traditionen folgen sie einer gemeinsamen rituellen Grundstruktur – sie alle wissen genau, wie das Gebet zu verrichten ist, ganz gleich, ob sie aus dem Westen, Osten oder Norden des Globus stammen.

Diese Verbindung von Einheit und Vielfalt ist im Koran selbst grundgelegt. Dort heißt es: „O ihr Menschen, Wir haben euch ja von einem männlichen und einem weiblichen Wesen erschaffen, und Wir haben euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt. Gewiss, der Geehrteste von euch bei Allah ist der Gottesfürchtigste von euch“ (49:13).

Vielfalt erscheint hier nicht als Problem, sondern als gewollter Bestandteil der Schöpfung. Unterschiede dienen dem gegenseitigen Kennenlernen, nicht der Hierarchisierung. Maßstab ist nicht Herkunft, Ethnie oder Sprache, sondern die innere Haltung der Gottesfurcht. Zudem negiert der Vers jegliche Form von Rassismus. Verstärkt wird der Gedanke der Vielfalt und der Negation von Rassismus durch die Überlieferung des Propheten Muḥammad – Segen und Friede seien mit ihm: „Ihr habt alle denselben Gott und stammt alle von Adam ab. Weder ist ein Araber besser als ein Nichtaraber, noch ist ein Nichtaraber besser als ein Araber. Ein Weißer ist nicht besser als ein Schwarzer, und ein Schwarzer ist nicht besser als ein Weißer. Ihr unterscheidet euch nur hinsichtlich eurer Gottesfurcht“ (Musnad Aḥmad, Hadith Nr. 23489).“

Auch die islamische Rechts- und Denktradition spiegelt diese Offenheit wider. Die juristische Maxime, dass grundsätzlich alles erlaubt ist, solange es nicht ausdrücklich verboten wurde, schafft Raum für kulturelle Entwicklungen, regionale Traditionen und neue Lebensformen. So entsteht ein religiöser Rahmen, der Einheit im Glauben wahrt und zugleich Vielfalt in der Lebensgestaltung ermöglicht. 

Die Anfangszeit des Islams

Der Prophet Muḥammad – Segen und Friede seien mit ihm – berücksichtigte in seinem Wirken auch die sprachlichen und kulturellen Gegebenheiten seiner Gemeinschaft. So ist in einem Hadith überliefert, dass sieben verschiedenen Rezitationsarten des Korans zugelassen wurden (vgl. Ṣaḥīḥ Muslim, Nr. 821 a). Nach dieser Überlieferung wandte sich der Prophet wiederholt an den Engel Gabriel mit der Bitte um Erleichterung für seine Gemeinschaft, woraufhin ihm offenbart wurde, dass der Koran auf „sieben aḥruf“ (sieben Rezitationsarten) rezitiert werden dürfe. In der klassischen Exegese wird diese Zulassung mehrerer Rezitationsweisen in erster Linie als Ausdruck göttlicher Barmherzigkeit und praktischer Erleichterung (taysīr) für die unterschiedlichen arabischen Stämme verstanden, deren Dialekte teils voneinander abwichen. Die Vielfalt der Rezitationsarten diente somit nicht der inhaltlichen Veränderung, sondern der sprachlichen Zugänglichkeit der Offenbarung.

Diese Grundhaltung gewann besondere Bedeutung, als sich die muslimische Gemeinschaft rasch über die Arabische Halbinsel hinaus ausbreitete. Mitte des achten Jahrhunderts hatten die Muslime ein Gebiet erobert, das von der Iberischen Halbinsel im Westen bis nach Zentralasien im Osten reichte und sich über weite Teile Nordafrikas und Vorderasiens erstreckte. In diesen unterschiedlichen Kulturräumen erwies sich der Islam als bemerkenswert anpassungsfähig. Regionale Gebräuche und das jeweilige Gewohnheitsrecht (ʿurf) wurden grundsätzlich respektiert, sofern sie nicht im Widerspruch zu zentralen religiösen Normen standen. Auch religiös zeigte sich eine differenzierte Praxis: Die Bevölkerung der eroberten Gebiete wurde in der Regel nicht zur Annahme des Islams gezwungen – im Einklang mit dem koranischen Grundsatz: „Es gibt keinen Zwang im Glauben“ (Koran 2:256). Angehörige anderer Religionen erhielten unter muslimischer Herrschaft einen rechtlich geregelten Schutzstatus.

Diese religiöse Toleranz führte beispielsweise in al-Andalus, dem muslimischen Spanien, zu einer kulturellen Blütezeit und einem weitgehend friedlichen Zusammenleben von Juden, Christen und Muslimen. Auf dem indischen Subkontinent lebten die Muslime mit Buddhisten und Hindus zusammen. All diese kulturellen Einflüsse prägen die islamische Welt bis heute und sorgen für eine enorme Vielfalt in Kunst, Architektur, Sprache, Literatur, Essgewohnheiten und Umgangsformen.

Trotz aller Unterschiede verbindet Musliminnen und Muslime weltweit ein gemeinsamer religiöser Rahmen: Sie grüßen einander mit dem arabischen as-salāmu ʿalaikum („Friede sei mit euch“), richten sich im Gebet nach Mekka aus, befolgen vergleichbare Speisevorschriften und teilen grundlegende ethische Leitvorstellungen. Innerhalb dieses Rahmens jedoch entfaltet sich eine beeindruckende kulturelle Vielfalt.

So reicht das architektonische Spektrum von der maurisch geprägten Baukunst der Kathedralmoschee in Córdoba mit ihren charakteristischen Hufeisenbögen bis hin zu Moscheen in China mit geschwungenen Dächern, die an Pagoden erinnern. Ähnlich vielfältig zeigen sich kulinarische und textile Traditionen – von nordafrikanischem Couscous bis zu levantinischen Falafel-Varianten, von farbenfrohen westafrikanischen Gewändern bis zum indonesischen Sarong.

Auf diese Weise entsteht ein Bild, das Einheit und Vielfalt nicht als Gegensatz begreift, sondern als einander ergänzende Dimensionen: ein gemeinsamer religiöser Kern, der sich in unterschiedlichsten kulturellen Ausdrucksformen widerspiegelt – gleichsam wie Mosaiksteine, die zusammen ein vielgestaltiges, aber kohärentes Ganzes ergeben.

Der Islam in der Diaspora und unter Konvertit:innen im Westen

„When in Rome, do as the Romans do“ – dieses geflügelte Wort bringt ein Prinzip zum Ausdruck, das sich in gewisser Weise auch auf Musliminnen und Muslime übertragen lässt, die in mehrheitlich nichtmuslimischen Gesellschaften leben. Koran und Sunna betonen wiederholt die Bedeutung eines respektvollen und harmonischen Zusammenlebens mit anderen Menschen – unabhängig von deren religiöser oder weltanschaulicher Zugehörigkeit. Anpassung an gesellschaftliche Gepflogenheiten, sofern sie nicht im Widerspruch zu grundlegenden religiösen Normen stehen, ist daher dem Islam nicht fremd und historisch gut belegt.

Gleichzeitig lässt sich in Teilen der muslimischen Community im Westen eine gegenteilige Tendenz beobachten: die bewusste Abgrenzung vom „Westlichen“ und die Suche nach einer vermeintlich einheitlichen „islamischen Kultur“. Gerade für Konvertit:innen kann dies zu erheblichen Identitätskonflikten führen. Nicht selten entsteht der Eindruck, man müsse das bisherige kulturelle Selbst gleichsam abstreifen und durch eine neue, als authentisch verstandene islamische Lebensform ersetzen. Doch hier stellt sich eine grundlegende Frage: Was genau ist mit „islamischer Kultur“ gemeint? Heißt es, dass Frauen nur noch weite schwarze Kleider und Männer nur lange weiße Gewänder und Turban tragen dürfen? Diese Vorstellung mag überspitzt erscheinen, prägt jedoch nicht selten die kollektive Imagination dessen, was als „islamisch“ gilt. Hinzu kommt die Übernahme eines bestimmten Habitus in Sprache und Auftreten, die häufige Verwendung arabischer Floskeln sowie ein schrittweiser Rückzug aus der Mehrheitsgesellschaft. Auf diese Weise verschiebt sich der Fokus von religiösen Prinzipien hin zu kulturellen Ausdrucksformen, die historisch und regional gewachsen sind.

Doch wie bereits ausgeführt, gibt es „die eine wahre islamische Kultur“ nicht. Die kulturelle Flexibilität des Islams macht es möglich, ihn in jedem Land der Welt auf ganz eigene Weise zu leben. Gerade im Hinblick auf die äußere Erscheinung stellt sich die Frage, ob man sich unbedingt in einer Weise kleiden sollte, die hierzulande exotisch wirkt – zumal im Islam eigentlich eher Wert auf ein unauffälliges und zurückhaltendes Erscheinungsbild gelegt wird. Ist es nicht viel eher Sunna, sich an lokale Sitten und Bräuche anzupassen, sofern diese nicht im Widerspruch zum Islam stehen?

So ist es etwa in den Golfstaaten üblich, dass Frauen sich in der Öffentlichkeit ganz in Schwarz kleiden, während dies in anderen Regionen eher ungewöhnlich wirkt, etwa in Westafrika, wo farbenfrohe Kleidung bevorzugt wird. Auch der Hidschab wird auf ganz unterschiedliche Weise getragen, beispielsweise als Turban, als klassisches Kopftuch oder als Gesichtsschleier. Innerhalb eines legitimierten Rahmens kann sich Vielfalt frei entfalten; Grenzen werden erst dort gezogen, wo etwas ausdrücklich als schädlich und deshalb verboten gilt. 

Wie Dr. Umar Faruq Abd-Allah in seinem Artikel Islam and the Cultural Imperative erläutert, führten der Prophet Muḥammad – Segen und Friede seien mit ihm – und seine Gefährten keinen Krieg gegen andere Kulturen, sondern begegneten ihnen grundsätzlich offen und wohlwollend. Das zeigt auch ein Hadith, in dem Umm Salama, eine spätere Ehefrau des Propheten, von ihrer Auswanderung in das christliche Abessinien erzählt, wo sie mit einigen anderen Gläubigen Zuflucht vor den Repressalien gesucht hatte, denen die junge Gemeinde in Mekka ausgesetzt war: „Als wir uns in Abessinien niederließen, lebten wir neben dem besten Nachbarn – dem Negus. Wir konnten unsere Religion ungehindert ausüben, wir beteten zu Allah, ohne dafür angegriffen zu werden, und wir hörten nichts, was uns missfiel“ (Musnad Aḥmad, Hadith Nr. 1740).

Tatsächlich ist der Islam Teil gesellschaftlicher Wirklichkeit in Deutschland und wird in Zukunft zweifelsohne auch mehr Raum einnehmen. War er viele Jahre lang nur eine exotische „Gastarbeiterreligion“, ist er mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Musliminnen und Muslime werden zunehmend sichtbar und bereichern das Leben in diesem Land – längst nicht mehr nur in der Gastronomie, sondern auch in vielen anderen Bereichen. Kulturelle Elemente aus verschiedenen Herkunftsländern verschmelzen mit einheimischer Kultur und eröffnen neue Perspektiven. So gilt der Döner inzwischen als etabliertes Kulturgut, muslimische Literatur- und Kunstschaffende sind aus der deutschen Kulturlandschaft nicht mehr wegzudenken. Wo Menschen arbeiten, lernen, schreiben, kochen, musizieren und lachen, fließen Einflüsse ineinander. Kulturelle Elemente aus verschiedenen Herkunftsräumen verbinden sich mit lokalen Traditionen und formen neue Ausdrucksweisen, die weder „fremd“ noch „einheimisch“ im engeren Sinn sind, sondern schlicht gewachsen.

Dabei sollte weniger die Frage nach Etiketten im Vordergrund stehen als vielmehr die nach Qualität: Was ist gut? Was ist schön? Was fördert das Zusammenleben? Was bereichert das Gemeinwohl? Wenn etwas als wahrhaft gut und schön erkannt wird, verdient es Anerkennung – unabhängig davon, ob es als „islamisch“ oder nicht bezeichnet wird.

So verstanden wird kulturelle Vielfalt nicht zur Bedrohung der Identität, sondern zu ihrer Entfaltung. Die Herausforderung besteht nicht darin, das Eigene gegen das Andere abzuschotten, sondern darin, im Miteinander etwas Wertvolles hervorzubringen

Ausblick

In den letzten Jahren finden immer mehr Begegnungen zwischen muslimischer Community und der Mehrheitsgesellschaft statt, und es zeigt sich, dass der Islam nicht im Widerspruch zum Leben in einem pluralen, demokratischen Land steht. Wie bereits 2010 der damalige Bundespräsident Christian Wulff feststellte, gehört der Islam längst zu Deutschland.

Dafür zu sorgen, dass diese Entwicklung nicht wieder zurückgedreht wird, wie es sich reaktionäre Kräfte in Deutschland und vielen anderen Ländern wünschen, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Denn nur durch Begegnungen auf Augenhöhe, durch Offenheit für vielfältige Lebensweisen und gegenseitigen Respekt kann das Zusammenleben in einer pluralen Gesellschaft gelingen.

Der Islam ist keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung und passt sich gut an die jeweiligen landesspezifischen Gegebenheiten an. Eine große Mehrheit der muslimischen Menschen in Deutschland fühlt sich hier zu Hause und bringt sich in die Gesellschaft ein – sei es im Berufsleben, im privaten Umfeld oder durch ehrenamtliches Engagement. Der Islam ist hierbei kein Hindernis, sondern ermutigt vielmehr zu einem harmonischen Zusammenleben verschiedener Religionen, Ethnien und Nationalitäten.

Literaturverzeichnis

Abd-Allah, Umar Faruq Dr.: Islam and the Cultural Imperative, o. O.: Nawawi Foundation 2004.

Bobzin, Hartmut: „Schreckgespenst ‚Dschihad‘ – Wie tolerant ist der Islam? Der Koran, die historische Entwicklung, die Aktualität“, in: Islam in Deutschland, 4/2001, online verfügbar unter: https://www.buergerundstaat.de/4_01/islam05.htm (letzter Zugriff: 09.01.2026).

Ibn Ḥanbal, Aḥmad: Musnad Aḥmad, online verfügbar unter: https://hadithunlocked.com/ahmad (letzter Zugriff: 02.02.2026).

Heine, Peter: „Ein System großer Flexibilität – Der Begriff ‚Scharia‘ provoziert ständige Missverständnisse“, in: Herder Korrespondenz 12/2011, S. 613–617, online verfügbar unter: https://bit.ly/4qrPEIt (letzter Zugriff: 09.01.2026).

Seekers Guidance: „What Role Does Culture play in Islam?“, 19.12.2013, online verfügbar unter: https://bit.ly/4aB6UpR (letzter Zugriff: 09.01.2026).

Strack, Christoph: „Die Geschichte eines Satzes“, in: dw.com, 18.09.2020, online verfügbar unter https://bit.ly/4kjfTiJ (letzter Zugriff: 06.02.2026).

Sunnah.com, online verfügbar unter: https://sunnah.com/ (letzter Zugriff: 02.02.2026).

Tanzil.net: Koran-Übersetzung von Scheich ʿAbdullah aṣ-Ṣāmit Frank Bubenheim und Dr. Nadeem Elyas, online verfügbar unter: https://tanzil.net/#trans/de.bubenheim/2:256 (letzter Zugriff: 19.01.2026).