Moral und Ethik

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Abbas Ramadan

Theologe, Islamwissenschaftler, Doktorand

Die Frage nach dem Verhalten des Menschen

1. Einleitung – Die Frage nach dem Menschen

Zu den grundlegendsten Fragen der Menschheitsgeschichte gehört die Frage, was der Mensch ist und wie er sich verhalten soll. Heute ist sie aktueller denn je. In einer Zeit, die von technischem Fortschritt, Konsumdenken und Individualismus geprägt ist, scheint der Mensch zwar vieles zu können, doch oft fehlt ihm ein klares Verständnis seiner selbst. Diese innere Unsicherheit führt zunehmend zu einer tiefgreifenden Identitätskrise.

Diese Krise betrifft nicht nur den Einzelnen, sondern die Gesellschaft als Ganzes. Angesichts globaler Herausforderungen und kultureller Umbrüche stellt sich mit neuer Dringlichkeit die Frage: Was bedeutet es eigentlich, ein Mensch zu sein? Und welchen Wert haben seine Gedanken, Entscheidungen und Handlungen im größeren Zusammenhang?

Beispielsweise stellte Immanuel Kant den Menschen und seine Vernunft ins Zentrum seiner Moralphilosophie. Mit dem kategorischen Imperativ formulierte er einen Maßstab für menschliches Handeln, der bis heute einen zentralen Platz in der Ethik einnimmt. Doch während Kants Ansatz auf allgemeine Vernunft baut, fragt die religiöse Perspektive darüber hinaus nach dem Sinn des Menschseins und dem Bezug zur göttlichen Ordnung. Genau hier setzt der Islām mit seiner Sicht auf den Menschen an. Er bietet vielversprechende Antworten auf ebensolche Fragen und eröffnet einen Zugang, der das Menschsein nicht nur als biologisches oder soziales Dasein versteht, sondern als bewusstes, verantwortungsvolles Geschöpf, das eine besondere Stellung und Aufgabe gegenüber Allāh und Seiner Schöpfung trägt.

2. Hauptteil

2.1 Die Entfremdung des Menschen von sich selbst

Die Entfremdung des Menschen von sich selbst entsteht unter anderem dadurch, dass sich die Vorstellungen davon, was ein Mensch ist und wie er sein sollte, ständig verändern. Inmitten dieser wechselnden Bilder verliert der Mensch zunehmend seinen inneren Halt. Er wird orientierungslos, jedoch nicht, weil ihm Wissen fehlt, sondern weil ihm ein verlässlicher Maßstab fehlt, an dem er sich dauerhaft ausrichten kann.

Morallehrer und Philosophen bleiben bemüht, dem Menschen eine solche Orientierung zu geben. Doch wer garantiert, dass diese Orientierungsvorschläge richtig sind? Woran lässt sich ihre Wahrheit messen? Für wen gelten sie – und für wen nicht? Ohne einen festen Anker außerhalb des Menschen bleiben solche Konzepte abhängig von Zeit, Kultur und individueller Überzeugung. Was heute moralisch korrekt ist, kann morgen verworfen werden.

Der Islām bietet in dieser Hinsicht eine grundlegend andere Perspektive. Er verweist auf Allāh, den allwissenden, ewigen und unveränderlichen Schöpfer, der den Menschen erschaffen hat, ihn kennt, ihn führt und sein Handeln richtig beurteilt. Der Qurʾān, der das Offenbarungsbuch des Islām und als Wort Allāhs gilt, ist nicht an eine Epoche gebunden, sondern spricht den Menschen in jeder Zeit an. Aus dieser göttlichen Quelle heraus erhält der Mensch eine Orientierung, die nicht aus menschlicher Unsicherheit, sondern aus göttlichem Wissen stammt.

Nach islāmischer Auffassung ist der Mensch ein Geschöpf mit einer besonderen Aufgabe. Sein Leben ist sinnvoll und nicht das Gegenteil dessen.1 Der Mensch sucht in seinem Leben nach Sinn, er ist ein Suchender und erhofft sich viel zu finden. Doch der moderne Mensch scheint diese Aufgabe zunehmend zu vergessen. Er verliert sich in Äußerlichkeiten, in Konsum, in Oberflächlichkeit und in der Vorstellung, allein durch persönlichen Verstand und eigenen Willen vollständig zu sein. Genau hier beginnt das Problem: Der Mensch ist sich seiner selbst nicht mehr bewusst.

2.2 Der Mensch ist seiner Selbst fremd

Die Lösung der genannten Entfremdung liegt in der Rückkehr zur inneren Ordnung des Menschen, eine Rückkehr zu seiner eigentlichen Natur, die nicht zufällig ist, sondern auf Erkenntnis, Verantwortung und Gottesbewusstsein ausgerichtet ist.2 Aus qurʾānischer Sicht ist der Mensch erschaffen worden, um seinen Schöpfer kennenzulernen. Der Mensch ist der Ehrengast des Schöpfers und die Welt ist das Gasthaus Allāhs. Alles, was der Mensch mit seinen Sinnesorganen und Empfindungen wahrnimmt, ist für ihn eine wunderbare Möglichkeit, seinen Schöpfer kennenzulernen, Allāh hinter der Schöpfung zu erkennen. Daher verkündet der Qurʾān der Menschheit, dass es ihr oberster Sinn ist, Allāh kennenzulernen, sich wie Gäste auf Erden zu verhalten und somit einen allgegenwärtigen Gottesdienst zu erleben.3 Dabei gilt es als ein angemessenes Benehmen, die zahllosen Gaben Allāhs bewusst wahrzunehmen, sie innerlich zu erfassen und mit Dankbarkeit darauf zu antworten.4

Gleichzeitig ist der Mensch wesensgemäß dazu veranlagt, durch seine inneren Fähigkeiten – wie Verstand, Gefühl, Wille, Bewusstsein und noch viele weitere Eigenschaften – Allāhs Namen und Eigenschaften zu erkennen und in der Welt wiederzuerkennen.5 Diese Namen spiegeln sich in der Schönheit, Ordnung und Harmonie der Schöpfung, weshalb der Mensch in seiner Aufgabe steht, sie durch Betrachtung und Vorstellung bewusst wahrzunehmen und sich für Allāh zu begeistern.6 In der Liebe zur göttlichen Schönheit und Vollkommenheit, im Staunen über die künstlerisch vollkommene Weltordnung, wächst seine Sehnsucht nach dem Schöpfer und sein Wunsch, sich Ihm zu nähern.

Der Mensch wird dazu aufgerufen, über die Schöpfung nachzudenken, denn in ihr sind Zeichen (āyāt), die wie Briefe Allāhs geschrieben sind.7 In seiner Hilflosigkeit, Schwäche und Bedürftigkeit liegt für den Menschen ein Hinweis darauf, wie sehr er auf Allāhs Hilfe angewiesen ist und wie er gerade durch diese Grenzen den Reichtum und die Allmacht seines Herrn verstehen kann.8

2.3 Die ethische Verfassung des Menschen

Die Frage, wie der Mensch sein sollte, lässt sich nicht nur über seine Stellung in der Schöpfung oder seine Beziehung zu Allāh beantworten, sondern zeigt sich auch ganz konkret in seinem Charakter, seinem Verhalten und seiner inneren Haltung. Ethik und Glaube sind im Islām eng miteinander verknüpft. Wahre Frömmigkeit zeigt sich nicht allein im rituellen Handeln, sondern vor allem in der Art und Weise, wie der Mensch lebt, denkt, fühlt und dementsprechend handelt.9

Die islāmische Morallehre bietet klare und zeitlose Wertevorstellungen, die den Menschen sowohl persönlich als auch gesellschaftlich bereichern. Sie bietet dem Menschen an, ein Mensch zu sein, der ehrlich, gottesbewusst, gerecht, mitfühlend, geduldig, dankbar und bescheiden lebt. Sie bietet ihm alle Eigenschaften an, die Ausdruck eines reifen und verantwortungsvollen Glaubens und eines ebenbürtigen Charakters sind.

Diese Ethik beschränkt sich nicht auf eine bestimmte Kultur oder Epoche. Sie spricht den Menschen als Menschen an. Sie spricht unabhängig von Zeit, Herkunft oder sozialem Umfeld. Ihre Prinzipien sind universell und können in jeder Gesellschaft zur Entfaltung von Mitmenschlichkeit, Würde und Verantwortungsbewusstsein beitragen. Sie bietet ein Menschenbild, das dem Menschen in jeder Zeit gerecht wird. Diese Ethik entspricht dem Wesen des Menschen. Sie bietet Orientierung, weil sie im Einklang mit seiner Natur steht und ihm nicht fremd ist.

Zu den Werten dieser Ethik zählt an erster Stelle die Aufrichtigkeit (ṣidq). Aufrichtig zu sein bedeutet, Gedanken, Worte und Taten in Einklang zu bringen, ehrlich zu sprechen und zu handeln, ohne dabei verletzend oder taktlos zu sein. Aufrichtigkeit ist dabei nicht nur gegenüber anderen wichtig, sondern auch gegenüber sich selbst und Allāh. Im Qurʾān werden die Gläubigen dazu aufgerufen, mit den Aufrichtigen zu sein.10 Der Prophet Muḥammad ﷺ (mit dem der Frieden und Segen sei) beschreibt Aufrichtigkeit als einen Weg zur Rechtschaffenheit, wobei die Rechtschaffenheit ein Weg zum Paradies bereitet.11

Ein weiterer Grundpfeiler islāmischer Ethik ist die Gerechtigkeit (ʿadl). Dem Menschen wird angeboten, weder sich selbst noch anderen Unrecht zuzufügen und in jeder Situation Ausgewogenheit und Fairness zu wahren. Gerechtigkeit gilt dabei nicht nur als rein rechtlicher Begriff, sondern als Haltung, die sich durch das ganze Leben zieht. Sie umfasst sowohl soziale Beziehungen als auch persönliche Entscheidungen. Der Qurʾān fordert Gerechtigkeit selbst dann, wenn sie gegen die eigene Person oder die Familie spricht.12 So verspricht der Prophet Muḥammad ﷺ (mit dem der Frieden und Segen sei) allen gerecht Handelnden eine besondere Nähe bei Allāh.13

Eng mit der Gerechtigkeit verbunden ist die Barmherzigkeit (raḥma). Sie zeigt sich als gelebtes Mitgefühl, als Fürsorge und als liebevolle Zuwendung gegenüber der gesamten Schöpfung Allāhs. Im Qurʾān wird Allāh als barmherzig und erbarmend beschrieben.14 Auch der Prophet Muḥammad ﷺ (mit dem der Frieden und Segen sei) ruft dazu auf, barmherzig mit allem auf der Erde zu sein, um selbst Barmherzigkeit zu empfangen.15

Inmitten aller Herausforderungen, Konflikten und Stress erweist die Geduld (ṣabr) sich als eine segensreiche Eigenschaft. Gerade in schwierigen Zeiten bewährt sich die Tugend der Geduld. Wer in fordernden Momenten standhaft und geduldig bleibt und nicht der Wut oder Verzweiflung nachgibt, zeigt wahre Größe. Der Qurʾān verheißt den Geduldigen die Nähe Allāhs.16 Der Prophet Muḥammad ﷺ (mit dem der Frieden und Segen sei) bezeichnet die Geduld als das größte Geschenk, das einem Menschen zuteilwerden kann.17

Die Fähigkeit, in jeder Lage Haltung zu bewahren, sich selbst zu beherrschen und dankbar zu sein, ist eine Form innerer Stärke. Die Bescheidenheit (tawāḍuʿ) ist eine Tugend, die diese innere Stärke umfasst.

So erinnert der Islām daran, dass wahrer Wert nicht im äußeren Ansehen liegt, sondern in der Demut gegenüber dem Schöpfer und gegenüber allem, dem Er Wert beizumessen wünscht. Der Islām verbindet größte Demut mit höchster Würde.

Der Prophet Muḥammad ﷺ (mit dem der Frieden und Segen sei) gibt der Menschheit bekannt: „Derjenige, der sich um Allāhs willen bescheiden verhält, den wird Allāh erhöhen.“18 Bescheidenheit schützt den Menschen davor, sich über andere zu stellen oder seine eigenen Fähigkeiten als unabhängig von Allāh zu verstehen.

Alle genannten Eigenschaften – Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Geduld und Bescheidenheit – bilden ethische Grundlagen, die den Menschen charakterlich veredeln. Sie verbinden ihn mit seinem Schöpfer, prägen seinen Umgang mit der Welt und formen ihn zu dem Menschen, den Allāh in ihm vorgesehen hat: gottesbewusst, aufrecht und wertvoll. Dies ist die Aufgabe des Propheten Muḥammad ﷺ (mit dem der Frieden und Segen sei) und verlautbart: „Ich wurde entsandt, um die edlen, rechtschaffenen Charaktereigenschaften zu vervollkommnen.“19

3. Schluss – Ausblick

Die Frage „Wie sollte der Mensch sein?“ gewinnt in einer Zeit der Orientierungslosigkeit und Werteverschiebung zunehmend an Bedeutung. Der moderne Mensch weiß viel, aber oft fehlt ihm der Sinn. Er ist umgeben von Angeboten, aber innerlich häufig leer. Die islāmische Sicht auf den Menschen bietet hier eine Orientierung, die nicht im Äußeren verharrt, sondern zur Rückkehr zum eigenen Wesen aufruft. Die islāmische Betrachtungsweise, die islāmische Religion liefert ein verlockendes Angebot: Der Mensch ist ein bewusstes, verantwortliches und verantwortungsbewusstes Geschöpf, das eine wichtige Beziehung zu seinem Schöpfer hat. Die Gotteserkenntnis, die Veredelung des eigenen Charakters, die Entfaltung wertvoller Eigenschaften wie Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Geduld und Bescheidenheit gebühren dem Menschen. Im Islām bedeutet Menschsein Reife, Werte, Tugend und Gottesbewusstsein. Es bedeutet, sich auf den Ursprung rückzubesinnen und sich auf moralischer Ebene zu entwickeln.

In einer Welt, die sich immer schneller verändert, bleibt die islāmische Ethik zeitlos. Sie bietet Orientierung, wo vieles beliebig geworden ist. Der Islām bietet dem Menschen eine Orientierung, die es wert ist, näher kennengelernt und bedacht zu werden.


  1. Sūra 23:115: أَفَحَسِبْتُمْ أَنَّمَا خَلَقْنَاكُمْ عَبَثًا وَأَنَّكُمْ إِلَيْنَا لَا تُرْجَعُونَ “Meint ihr denn, Wir hätten euch nur zum Zeitvertreib (sinnlos) erschaffen und ihr würdet nicht zu Uns zurückgebracht?”; Sūra 75:36: أَيَحْسَبُ الْإِنسَانُ أَن يُتْرَكَ سُدًى “Glaubt denn der Mensch, dass er unbeachtet gelassen wird?”. ↩︎
  2. Der Prophet Muḥammad ﷺ (mit dem der Frieden und Segen sei) sagte sinngemäß: „Jeder Mensch wird mit einer natürlichen Veranlagung geboren wird…“ Sahih Muslim, Nr. 22. Des Weiteren heißt es im Qurʾān (Sūra 30:30) sinngemäß: „Darum richte dein Angesicht ausschließlich auf die Religion als jemand, der reinen Glaubens ist. Das ist die ursprüngliche Veranlagung, die von Gott ausgeht und auf deren Grundlage Er die Menschheit hervorgebracht hat…“. ↩︎
  3. Siehe und verstehe Sūra 51:56. ↩︎
  4. Siehe Sūra 16:114. ↩︎
  5. Siehe Sūra 2:31 und Sūra 7:180. ↩︎
  6. Siehe Sūra 30:22. ↩︎
  7. Siehe Sūra 41:53. ↩︎
  8. Siehe Sūra 35:15. ↩︎
  9. In Anlehnung an Sūra 2:189. ↩︎
  10. Siehe Sūra 9:119. ↩︎
  11. Siehe Ṣaḥīḥ al-Buḫārī, 6094; Ṣaḥīḥ Muslim, 2607. ↩︎
  12. Siehe Sūra 4:135: „Setzt euch für Gerechtigkeit ein, selbst wenn es gegen euch selbst oder eure Eltern oder Verwandten ist.“. ↩︎
  13. Ṣaḥīḥ Muslim, 1827. ↩︎
  14. Siehe beispielsweise die EröffnungsSūra des Qurʾān, Sūra 1:3 und der Beginn jeder Sūra außer Sūra 9. ↩︎
  15. Abū Dāwūd, 4941; al-Tirmiḏī, 1924. ↩︎
  16. Siehe Sūra 2:153. ↩︎
  17. Ṣaḥīḥ al-Buḫārī, 1469; Ṣaḥīḥ Muslim, 1053. ↩︎
  18. Ṣaḥīḥ Muslim, 6592. ↩︎
  19. As-silsila aṣ-ṣaḥīḥa, Nummer: 45, Urteil des Hadithgelehrten: ṣaḥīḥ (authentisch), überliefert bei al-Bazzār (8949), bei Tamām in al-Fawāʾid (276) und bei al-Bayhaqī (21301). ↩︎