Moral und Ethik

Samet Balci

Philosoph, islamischer Theologe, Doktorand der islamischen Philosophie

Was hat Immanuel Kant und der Prophet des Islām gemeinsam?  Eine vergleichende Betrachtung zur normativen Geltung des „Sollen“

Einleitung

Immanuel Kant, eine Schlüsselfigur der Aufklärung und Begründer einer Ethik, die die Autonomie und Vernunft des Menschen ins Zentrum stellt, prägte die philosophische Debatte über moralisches Handeln nachhaltig. In seiner „Kritik der reinen Vernunft“ (1781) zeigte er die Grenzen menschlicher Erkenntnis auf und begründete in seiner „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ (1785) einen universellen moralischen Maßstab. Für Kant ist das „Sollen“ die zentrale Kategorie moralischen Handelns, und er versuchte, dieses a priori aus der reinen Vernunft abzuleiten. Damit stellte er sich gegen die Vorstellung, dass religiöse oder kulturelle Vorschriften die Grundlage moralischen Handelns sein sollten. Eine solche Ethik wird oft als „deontologisch“ bezeichnet. Eine rein aus der Vernunft abgeleitete Ethik ist beispielsweise nach Kant ein Widerspruch zu sogenannten heteronomen Ethiken, die durch die Sinneswelt oder in Zusammenspiel mit der Vernunft – d. h. a posteriori – gewonnen werden. Religionen und Kulturen lassen sich in der kantischen Systematik daher typischerweise heteronomen Ethiken zuordnen. Daraus ergibt sich ein grundlegender Gegensatz zwischen einer Ethik, die – wie bei Kant – ausschließlich auf dem Prinzip des reinen Vernunftgebots („Du sollst…“) beruht, und solchen Ethiken, die ihren moralischen Gehalt aus Offenbarung, Tradition oder Erfahrung schöpfen. Gibt es tatsächlich einen unüberbrückbaren Widerspruch zwischen der kantischen Moralphilosophie – wie sie etwa im kategorischen Imperativ Ausdruck findet – und der islāmischen Ethik?

Hauptteil

In der praktischen Philosophie werden drei grundlegende ethische Paradigmen unterschieden: die Tugendethik, die deontologische Ethik und die teleologische Ethik.1 Die Tugendethik legt den Fokus auf die Eigenschaften des Handelnden – sie fragt, welche Eigenschaften einen „guten Menschen“ auszeichnen.2 Die teleologische Ethik hingegen bewertet Handlungen nach ihren Zielen oder Konsequenzen.3 Die deontologische Ethik beurteilt Handlungen nach Prinzipien und Pflichten, unabhängig von den Konsequenzen.4 Kant vertritt eine deontologische Ethik und fordert, dass moralisches Handeln nicht durch die Folgen bestimmt wird, sondern durch die Pflicht, die aus vernünftigen Maximen hervorgeht. Die Ethik untersucht, was „sein soll“, und fragt nicht nur, was in einer Gesellschaft oder Kultur als moralisch gilt (das ist Gegenstand der Moralforschung oder der Sozialwissenschaft). Kant begründet das „Sollen“ nicht durch empirische Erfahrungen oder gesellschaftliche Konventionen, sondern durch die reine Vernunft.5 Dabei betont er, dass der moralische Imperativ universelle Geltung beansprucht. Der Kategorische Imperativ (KI) ist Kants zentrale Formulierung dieses moralischen Gesetzes.6 Er ist „unbedingt“ und gilt nicht nur unter bestimmten Bedingungen („wenn… dann…“), sondern immer, unabhängig von individuellen Wünschen oder kulturellen Kontexten. Eine der bekanntesten Formulierungen lautet: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.7“ Diese Universalisierungsformel verlangt von jedem, dass er seine Maximen so wählt, dass sie als allgemeines Gesetz für alle Menschen gelten könnten.

Darüber hinaus formuliert Kant zwei weitere wichtige Varianten des Kategorischen Imperativs: die Selbstzweckformel und die Reich-der-Zwecke-Formel.8 Die Selbstzweckformel lautet: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.9“ Diese Formel verdeutlicht die Würde des Menschen als autonomes Vernunftwesen und fordert, dass jeder Mensch stets als Zweck an sich geachtet und niemals ausschließlich als Mittel zum Zweck instrumentalisiert werden darf. Die Reich-der-Zwecke-Formel postuliert, dass jeder vernünftige Mensch sich als ein gesetzgebendes Glied in einem universellen Reich der Zwecke verstehen muss. Jeder Mensch ist somit sowohl Gesetzgeber als auch Adressat des moralischen Gesetzes. Für Kant ist Autonomie der Kern moralischen Handelns.10 Ein Mensch ist dann moralisch autonom, wenn er sich selbst das Gesetz seines Handelns gibt. Diese Autonomie ist der Ursprung der Menschenwürde, oder wie Kant es formuliert: „Autonomie ist also das Prinzip der Menschenwürde und jeder vernünftigen Natur.“ Diese Autonomie verpflichtet den Einzelnen zu einer moralischen Selbstbindung und zur Anerkennung der moralischen Pflicht gegenüber anderen. Jeder Mensch ist ein Zweck an sich selbst und darf niemals zum bloßen Mittel für die Zwecke eines anderen degradiert werden.

Die islāmische Moralphilosophie ist in ihrer Struktur und Vielfalt äußerst komplex und lässt sich ebenfalls in verschiedene ethische Kategorien einteilen: Tugendethik, deontologische Ethik und teleologische Ethik. Die islāmische Theologie ist von einer intensiven Rezeption der griechischen Ethik geprägt, vor allem der Nikomachischen Ethik des Aristoteles.11 Philosophische Werke wie die von al-Fārābī (gest. 950 n. Chr. | 339 n. H.) und Ibn Sīnā (Avicenna) (gest. 1037 n. Chr. | 428 n. H.) führten diese ethischen Konzepte weiter und integrierten sie in die islāmische Denktradition.12 Werte wie Gerechtigkeit (ʿadl), Tapferkeit (šaǧāʿa) und Mäßigung (iʿtidāl) wurden durch eine theologisch fundierte Anthropologie interpretiert und mit qurʾānischen und prophetischen Lehren verbunden. Die islāmische Ethik enthält auch ausgeprägte teleologische Elemente, besonders im Bereich der usūl al-fiqh, der islāmischen Rechtshermeneutik. In dieser Disziplin wird das Konzept der maqāṣid aš-šarīʿa (Rechtsmaxime) entwickelt, das die wesentlichen Ziele der šarīʿa umfasst: den Schutz von Leben, Religion, Vernunft, Eigentum und Nachkommenschaft.13 Diese Zielsetzung zeigt eine ethische Orientierung, die den Menschen als verantwortliches Subjekt in einer moralisch geordneten Welt begreift.

Deontologische Strukturen in der islāmischen Ethik finden sich in den göttlichen Geboten, die als absolute moralische Normen verstanden werden. Werte wie Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit gelten als verpflichtend, unabhängig von den Konsequenzen, die sich daraus ergeben. Diese Normen leiten sich direkt aus dem göttlichen Willen ab und sind in der islāmischen Tradition unbestreitbar.

Neben dem Qurʾān als Quelle für Denken und Handeln werden aber auch aus der zweiten Quelle der islāmischen Religion, nämlich aus den sogenannten aḥādīṯ, moralische Prinzipien abgeleitet. Diese sind prophetische Überlieferungen und stellen somit ein Ideal dar, was durch die Vernunft erkannt und mit dem Willen und der Einsicht der Vernunft angestrebt werden sollte. Ein besonderes Beispiel für eine ethische Norm im Islām ist der Hadith, der in den vierzig Überlieferungen des Imām an-Nawawī aufgeführt wird:

Keiner von euch glaubt (vollständig), bis er für seinen Bruder wünscht, was er für sich selbst wünscht.14

Dieser ḥadīṯ ist eine Aussage des Propheten Muḥammad  ﷺ (Allāh segne ihn und spende ihm Heil) und impliziert, dass der Glaube eng mit einer moralischen Haltung verknüpft ist. „Bruder“ wird in diesem Zusammenhang nicht nur als Bezug auf Muslime verstanden, sondern in vielen Auslegungen als Ausdruck für alle Menschen, unabhängig von ihrer religiösen Zugehörigkeit, Ethnie und Geschlecht verstanden.15 Diese Aussage verdeutlicht das ethische Prinzip, dass der Mensch den anderen nicht als bloßes Mittel für eigene Zwecke benutzen darf. Glaube fordert hier eine moralische Haltung, die den anderen als „Zweck an sich“ respektiert, ähnlich der Selbstzweckformel Kants. Auch im Islām wird die Würde des Menschen betont, der niemals nur als Mittel zu eigenen Zwecken degradiert werden darf. Dies spiegelt sich in der moralischen Verpflichtung wider, den anderen zu respektieren und ihm das zu wünschen, was man sich selbst wünscht. Das menschliche Ego – das Bewusstsein des eigenen Ichs – soll nach der Aussage des Propheten eine solche Reife erlangen, dass es sich mit dem Ich eines jeden anderen Menschen gleicht. Eine Angleichung des eigenen Wertes mit dem Wert aller anderen Menschen begründet die Würde des Menschen und kultiviert eine Tugend der Bescheidenheit.

Bei Kant werden der Kategorische Imperativ und die weiteren Formeln aus der reinen Vernunft hergeleitet. Die Aussage des Propheten hingegen geht nach Auffassung der islāmischen Religion zurück auf eine göttliche Offenbarung. Das heißt jedoch nicht, dass die Aussage oder der Imperativ des Propheten Muḥammad  ﷺ (Allāh segne ihn und spende ihm Heil) a posteriori ist, sondern ganz im Gegenteil wie die kantische Explikation a priori begründet ist. Ein Unterschied besteht jedoch darin, dass Kant ein moralisches Handeln aus Pflicht, unabhängig von den Konsequenzen, fordert. Im Islām hingegen ist das Handeln auf ein Ziel ausgerichtet, das Wohlgefallen Allāhs. Während Kant den moralischen Wert der Handlung in der bloßen Übereinstimmung mit dem Gesetz sieht, betont die islāmische Ethik auch die Zentralität der inneren Absicht vor der Ausführung der Tat (niyya) und die Orientierung an einem transzendenten Ziel, das die individuelle und kollektive Verantwortung des Gläubigen umfasst. Somit wird verdeutlicht, dass die Aussage des Propheten zum einen a priori ist, aber darüber hinaus die weiteren Ethiken in einem holistischen Sinne vereint, sodass Tugendethik (Absicht, innere Kultivierung des Guten und der Tugenden), Deontologie (Vernünftigkeit der Handlungen bzw. des Sollens) und der Wirkung bzw. Die Teleologie (Übereinstimmung mit der Transzendenz und Immanenz, des Göttlichen und des Kosmos) zusammengeführt werden.

Schluss

Revue passierend lässt sich sagen, dass die kantische Ethik und die islāmische Ethik – zumindest auf Basis einer Aussage des Propheten Muḥammad  ﷺ (Allāh segne ihn und spende ihm Heil) – in ihrer Herangehensweise an das „Sollen“ viele Parallelen aufweisen. Beide Denksysteme setzen auf universelle moralische Prinzipien, die den Einzelnen zu einem respektvollen und gerechten Umgang mit anderen Menschen verpflichten. Kant betont die Autonomie des Einzelnen und die universelle Geltung des moralischen Gesetzes – und während die islāmische Ethik diese Dimensionen auch ins Zentrum rückt, geht sie bezüglich der Aussage des Gesandten weiter, und verbindet weitere Dimensionen der Ethiken und betrachtet den Menschen, den Kosmos und das Göttliche als Fundamente und Horizonte seines Handeln.

Literaturverzeichnis

Hübner, Dietmar (2016): Praktische Philosophie. Eine Einführung. 5. Aufl. München: UTB (Uni-Taschenbücher).

Kant, Immanuel (2016): Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Hrsg. von Dieter Schönecker und Bernd Kraft. 2., durchgesehene Auflage mit aktualisierter Einleitung und Bibliographie. Hamburg: Meiner.

al‑Nawawī, Yaḥyā ibn Sharaf (2007): Das Buch der Vierzig Hadithe (Kitāb al‑Arbaʿīn) mit dem Kommentar von Ibn Daqīq al‑ʿĪd. 2. Aufl. Übersetzt und hrsg. von Marco Schöller. Berlin: Verlag der Weltreligionen.


  1. Hübner, Dietmar (2016): Praktische Philosophie. Eine Einführung, München: UTB (Uni-Taschenbücher), 5. Auflage. ↩︎
  2. Ebd. ↩︎
  3. Ebd. ↩︎
  4. Ebd. ↩︎
  5. Kant, Immanuel (2016): Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Herausgegeben von Dieter Schönecker und Bernd Kraft, 2., durchgesehene Auflage mit aktualisierter Einleitung und Bibliographie, Hamburg. ↩︎
  6. Ebd. ↩︎
  7. Ebd. ↩︎
  8. Ebd. ↩︎
  9. Ebd. ↩︎
  10. Ebd. ↩︎
  11. Ebd. ↩︎
  12. Ebd. ↩︎
  13. Ebd. ↩︎
  14. al‑Nawawī, Y. i. S. (2007). Das Buch der Vierzig Hadithe (Kitāb al‑Arbaʿīn) mit dem Kommentar von Ibn Daqīq al‑ʿĪd. 2. Aufl. Übersetzt und hrsg. von M. Schöller. Berlin. ↩︎
  15. Ebd. ↩︎