Die Vorstellung, dass der Islām einst eine Hochkultur der Wissenschaft hervorgebracht hat, ist für viele Menschen der Moderne kaum vorstellbar. In einer Zeit, in der der Islām oft mit Rückschrittlichkeit, Intoleranz und Stagnation genannt wird, wirkt der Gedanke geradezu paradox, dass ausgerechnet diese Religion über Jahrhunderte hinweg Motor wissenschaftlichen Fortschritts war. Als 1998 die Averroes-Gedenkfeier und der Kongress stattfand, spottete ein Journalist; das Erstaunlichste überhaupt sei, dass so etwas wie arabisch-islāmische Philosophie existiere.1 Die gegenwärtige Wahrnehmung des Islāms als Gegensatz zur modernen, rationalen Welt steht im starken Kontrast zur historischen Wirklichkeit islāmischer Zivilisationen. Tatsächlich war die islāmische Welt vom 8. bis etwa ins 15. Jahrhundert weltweit führend in Philosophie, Medizin, Mathematik, Astronomie und in vielen weiteren Disziplinen.2 Dieses Missverhältnis zwischen der historischen Rolle und der heutigen Wahrnehmung lässt viele Menschen, darunter auch Musliminnen und Muslime selbst, mit Fassungslosigkeit zurück. Wie konnte es zu diesem Bruch kommen? Und was sagt er über unser modernes Verständnis von Wissenschaft aus?
Wissenschaft in islāmischer und moderner Perspektive
Ein zentraler Aspekt in der Beantwortung dieser Fragen ist die Auseinandersetzung mit dem Begriff der Wissenschaft selbst. Die moderne westliche Welt hat ein sehr spezifisches, auf die Neuzeit zurückgehendes Verständnis von Wissenschaft entwickelt. Sie geht zurück auf den Beginn der Rezeption antiker Autoren und die folgende Emanzipation der Vernunft von den Dogmen und der Deutungshoheit der Kirche. Sie ist in erster Linie empirisch ausgerichtet, basiert auf Beobachtung, Experiment und Falsifikation (Karl Popper) und bezieht sich ausschließlich auf die physikalisch messbare Welt.3 Was nicht messbar oder wiederholbar ist, gilt in diesem Paradigma häufig nicht als wissenschaftlich und ist entsprechend nicht der Wissenschaft würdig. Demgegenüber stand in der islāmischen Zivilisation ein viel umfassenderer Wissenschaftsbegriff im Mittelpunkt.4 Das arabische Wort ʿilm, das oft mit „Wissenschaft” übersetzt wird, meint ursprünglich Wissen sowohl über die sichtbare Welt als auch über die metaphysische Dimension. Diese unterschiedlichen Dimensionen kommen vor allem durch benachbarte zentrale Begriffe der islāmischen Wissenschaftsgeschichte wie maʿrifah (Gnosis) und kašf (transzendente Erkenntnis) zum Ausdruck. Naturwissenschaft, Philosophie, Theologie und Mystik waren keine strikt getrennten Disziplinen, sondern eng miteinander verwoben. Die islāmische Wissenschaftstradition betrachtete den Kosmos als eine Manifestation der göttlichen Ordnung.5 Entsprechend war die Erforschung der Natur und der physikalischen Welt nicht nur eine intellektuelle Aufgabe, sondern auch ein spiritueller und gottesdienstlicher Akt der Annäherung an Allāh.
Dieser integrative Wissenschaftsansatz wurde später zunehmend durch die Aufklärung, Kolonialismus und das Aufkommen moderner Rationalität in Frage gestellt.6 Der Bruch zwischen Transzendenz und Immanenz, zwischen Religion und Wissenschaft, wie er in Europa vollzogen wurde, hat sich nicht in gleicher Weise in der islāmischen Welt vollzogen, wurde aber durch den zunehmenden Einfluss westlicher Denkweisen maßgeblich beeinflusst.7 Der Versuch, diesen Bruch nachträglich in das islāmische Denken zu übertragen, führte zu tiefen Konflikten. Das alte Wissenschaftsparadigma mit der Verzahnung der religiösen und der empirischen Dimensionen konnte nicht mehr aufrechterhalten werden. Auch das moderne Verständnis der Wissenschaft mit der Einschränkung des Seins auf die Empirie konnte nicht angemessen integriert werden.
Die Ursachen für den Verlust des wissenschaftlichen Anschlusses in der islāmischen Welt sind komplex und vielschichtig. Politische Instabilität, wirtschaftliche Rückstände, Kolonialisierung und innere Stagnation sind nur einige Faktoren. Nach dem Niedergang vieler islāmischer Hochkulturen begannen muslimische Intellektuelle vor allem im 19. und 20. Jahrhundert damit, Wege zu suchen, um den Anschluss an die wissenschaftliche Moderne wiederherzustellen.8 Ein Beispiel dafür ist der sogenannte Tafsir al-ʿilmī (wissenschaftliche Koranexegese), der besonders in Ägypten populär wurde.9 Dieser Ansatz versuchte, moderne naturwissenschaftliche Erkenntnisse mit der islāmischen Offenbarung in Einklang zu bringen. Der Qurʾān wurde aus der Perspektive moderner Wissenschaften neu interpretiert, um eine Brücke zwischen Religion und moderner Wissenschaft zu schlagen. Grundsätzlich entstanden aber auch weitere Reaktionen: Einige Intellektuelle versuchten, die gesamte Tradition durch die Brille der Moderne zu lesen, andere lehnten diese Rezeption ab und hielten radikal am traditionellen Wissenschaftsverständnis fest.
Islāmische Wissenschaft in ihrer Blütezeit
Die Zahl der Wissenschaftler in der islāmischen Geschichte ist zahlreich. Viele dieser Autoren sind für die westliche Hemisphäre noch recht unbekannt. Eine herausragende Rolle haben beispielsweise Ibn al-Hayṯam (965–1040 n. Chr. | 354–430 n. H.) und Ibn Sīnā (Avicenna, 980–1037 n. Chr. | 370–428 n. H.) in unterschiedlichen Bereichen der Wissenschaften gespielt. Ibn al-Haytham gilt als einer der Begründer der modernen Optik. In seinem Werk „Kitāb al-Manāẓir” (Buch der Optik) entwickelte er eine systematische Theorie des Sehens, die experimentell überprüft wurde.10 Er vertrat die Ansicht, dass Licht vom Objekt ins Auge gelangt – eine fundamentale Abkehr von der damals in Europa dominanten Emissionstheorie. Seine Methoden, die auf Beobachtung, Hypothese und experimenteller Verifikation beruhten, lassen sich zudem als frühe Form der wissenschaftlichen Methode bezeichnen.
Der vermutlich wichtigste und einflussreichste Autor der islāmischen Wissenschaft war Avicenna, dessen Kanon der Medizin (al-Qanūn fī ṭ-ṭibb) beispielsweise über Jahrhunderte als Standardwerk an europäischen Universitäten verwendet wurde.11 Avicenna verband in seinem Denken Philosophie, Logik, Medizin und Theologie zu einem kohärenten System. Seine Erkenntnisse über Anatomie, Pharmakologie und Krankheiten waren für die damalige Zeit revolutionär und beeinflussten Generationen von Medizinern. Gleichzeitig war Avicenna ein tief religiöser Mensch, dessen wissenschaftliche Arbeit durch eine metaphysische und ethische Perspektive getragen wurde.
Die beiden Wissenschaftler stehen exemplarisch für eine Wissenschaftskultur, die es verstand, die Welt als bedeutungsvolles Ganzes zu begreifen. Wissenschaft war nicht von Religion getrennt, sondern ermöglichte eine ergänzende und vollständige Perspektive auf den Menschen und seine Umwelt.
Gelehrtendisput: Ernest Renan und Ǧamāl ad-Dīn al-Afġānī
Diese ganzheitliche Auffassung von Wissenschaft geriet spätestens im 19. Jahrhundert ins Wanken, als die europäischen Mächte ihren wissenschaftlich-technologischen Vorsprung nutzten, um militärische, politische und kulturelle Herrschaftsansprüche durchzusetzen.12 Der französische Orientalist Ernest Renan warf dem Islām vor, von Natur aus wissenschaftsfeindlich zu sein.13 In seinem Vortrag über Islām und Wissenschaft (1883) behauptete er, der Islām verhindere durch seine dogmatische Struktur die Entwicklung von Rationalität und Wissenschaft und nur sogenannte ‚Arier‘ der islāmischen Zivilisation seien in der Lage, Wissenschaft zu betreiben. Diese Sichtweise löste eine erbitterte Reaktion aus: Der muslimische Reformer Ǧamāl ad-Dīn al-Afġānī (1897 n. Chr. | 1314 n. H.) und der osmanische Intellektuelle Nāmik Kemāl (1888 n. Chr. | 1305 n. H.) widersprachen entschieden.14 In der Replik betonte beispielsweise al-Afġānī, dass es nicht der Islām selbst sei, der Wissenschaft hemme, sondern die Umstände und Missbräuche durch einzelne religiöse Autoritäten. Im Gegenteil: Der Islām habe immer wieder zur Forschung aufgerufen und Wissen als eine Form der Gotteserkenntnis verstanden.
Dieser Gelehrtendisput symbolisiert die grundlegende Spannung zwischen einem westlichen, säkularisierten Wissenschaftsbegriff und einem islāmischen, der das Transzendente miteinschließt. Al-Afġānī verwies auf die Geschichte islāmischer Gelehrter, um zu zeigen, dass Rationalität und Islām sich keineswegs ausschließen. Der Diskurs zwischen Renan und Afghani ist bis heute aktuell, denn das Thema um Islām und Wissenschaft ist längst nicht abgeschlossen.
Neubelebung islāmischer Wissenschaftstraditionen
Die Wiederentdeckung und Kontextualisierung dieser islāmischen Wissenschaftsgeschichte ist das Lebenswerk zweier herausragender Persönlichkeiten: Fuat Sezgin (1924–2018 n. Chr. | 1343–1439 n. H.) und Seyyed Hossein Nasr (geb. 1933 n. Chr. | 1352 n. H.). Fuat Sezgin widmete sein gesamtes akademisches Leben der Erforschung der islāmischen Wissenschaften. In seinem monumentalen Werk Geschichte des arabischen Schrifttums dokumentierte er die Beiträge hunderter islāmischer Gelehrter zu nahezu allen bekannten Disziplinen.15 Sezgin widerlegte die eurozentrische Vorstellung, dass die moderne Wissenschaft allein aus der griechisch-römischen Tradition hervorgegangen sei. Sein Werk ist ein zentrales Nachschlagewerk und eine reiche Ressource für das Kennenlernen und Studium der Wissenschaftler aus den unterschiedlichsten Bereichen der Wissenschaft.
Seyyed Hossein Nasr hingegen konzentriert sich auf die Kritik an der Moderne und der modernen Wissenschaft, die er als lückenhaft betrachtet. In seinem Werk Science and Civilization in Islam betonte er beispielsweise, dass Wissenschaft in der islāmischen Welt immer auch eine sakrale Dimension hatte.16 Nasr plädiert für eine Resakralisierung der Wissenschaften, die das Rationale nicht gegen das Spirituelle und Religiöse ausspielt, sondern beides in einer harmonischen Synthese vereint.17 Im 20. und 21. Jahrhundert erkennen immer mehr Intellektuelle die Mängel der modernen Wissenschaft, welche die inneren Dimensionen des Menschen verkennt und ihm das Heilige abspricht.
Schluss
Der Blick auf die islāmische Wissenschaftstradition offenbart eine außerordentliche Geschichte, die heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Sie beeinflusste nicht nur das Denken und Fühlen der muslimischen Zivilisationen, sondern ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass die in der Moderne eingetretene wissenschaftliche Revolution möglich gewesen ist. Die Vorstellung, dass Islām und Wissenschaft unvereinbar seien, entspricht keineswegs den historischen Gegebenheiten. Die islāmische Zivilisation war über Jahrhunderte hinweg nicht nur ein Zentrum des Wissens, sondern verband dieses Wissen mit einer metaphysischen und spirituellen Perspektive, die dem modernen Wissenschaftsdenken fehlt.
Die Wiederentdeckung dieser Tradition als Ressource bedeutet nicht, die Moderne abzulehnen. Vielmehr bietet sie die Möglichkeit, das gegenwärtige Wissenschaftsparadigma im Lichte der Krisen und Herausforderungen des modernen Menschen neu zu denken.
Literaturverzeichnis
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- Lewis, Bernard (2002): The Arabs in History. Oxford: Oxford University Press. ↩︎
- https://www.europa.clio-online.de/quelle/id/q63-28343 (Letzter Zugriff 29.07.2025) ↩︎
- Ebd. ↩︎
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- Nasr, Seyyed Hossein (1993): The Need for a Sacred Science. Albany, NY: State University of New York Press. ↩︎