Philosophie und Wissenschaft

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Abbas Ramadan

Theologe, Islamwissenschaftler, Doktorand

Qurʾānische Betrachtungsweise auf die Schöpfung

1. Einleitung – Betrachtungsweise der Welt

In der modernen Welt hat sich ein Menschenbild durchgesetzt, das stark vom Materialismus und einem ausgeprägten Nützlichkeitsdenken geprägt ist. Was zählt, ist das, was messbar ist, was wirtschaftlichen Vorteil bringt, was dem Individuum oder der Gesellschaft dient. Schönheit, Bedeutung und Wert einer Sache werden daran gemessen, ob sie nützlich ist. Je nach dem Grad des Nutzens steigt oder sinkt der Wert einer Sache. Alles, was sich nicht unmittelbar in Geld, Leistung oder Fortschritt umwandeln lässt, wird zweitrangig oder übersehen.

Diese Haltung prägt nicht nur die Gesellschaft, sondern formt auch die Wissenschaft. Forschung wird vielfach unter ökonomischen Gesichtspunkten betrieben. Die Sinnfrage der Schöpfung gerät ins Abseits; auch das Wesen der Natur selbst scheint an Relevanz zu verlieren. Der Baum ist dann nicht mehr ein Zeichen des Lebens, sondern Holz; das Vieh ist nicht mehr eine Gnadengabe, sondern ein Produkt oder ein Nutztier.

Die Welt erscheint so zunehmend entzaubert, aufgeteilt in Rohstoffe, Daten und Formeln. Doch was bleibt vom Menschen, wenn er nur noch durch die Brille des Nutzens blickt? Was bleibt von der Schöpfung, wenn sie nur noch als Ressource dient?

Der Qurʾān stellt dieser Sichtweise eine völlig andere Betrachtung gegenüber. Er führt dem Menschen die gewöhnliche, materielle Welt vor Augen und zeigt ihnen die Schönheit der Namen und Eigenschaften ihres einzigartigen Schöpfers. Der Qurʾān zeigt in der Schöpfung die göttliche Namen, die göttliche Weisheit und Kunst. In einer Zeit, in der der Wert der Dinge an ihre Verwertbarkeit geknüpft wird, lädt der Qurʾān den Menschen dazu ein, wieder die wahre, ewig-bleibende Schönheit zu sehen.

2. Hauptteil – Wissenschaft im Dienst des Nutzens?

Die heutige Wissenschaft genießt ein hohes gesellschaftliches Ansehen. Sie gilt als objektiv, methodisch, verlässlich und als Garant des Fortschritts. Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass auch die Wissenschaft nicht außerhalb gesellschaftlicher Werte steht, sondern selbst von bestimmten Denkmustern geprägt ist. Einer dieser dominierenden Maßstäbe ist der Nutzen. Forschungsgelder werden mit wirtschaftlichen Interessen verbunden, wodurch sich die Paradigmen verschieben.

Diese Entwicklung führt zu einem einseitigen Menschenbild. Die Welt wird als Behälter voll von Rohstoffen angenommen. Forschung wird zur Dienstleistung. Vieles geht verloren, wenn der Blick von der Bedeutung eines Gegenstands auf seinen Nutzen verengt wird. Der Verlust einer solchen ganzheitlichen Betrachtung führt dazu, dass der Mensch sich zunehmend als außenstehender Beobachter der Welt begreift und nicht mehr als Teil eines sinnvollen Ganzen.

2.1 Die Schöpfung im Licht des Qurʾān

Der Qurʾān stellt der materialistischen Sichtweise auf die Welt eine gänzlich andere Perspektive gegenüber. Die Schöpfung ist nicht bloß Materie, nicht bloß Mittel zum Zweck… Die Schöpfung ist Zeichen (āyāt), Spur göttlicher Gegenwart, Ausdruck von Sinn und Schönheit. In ihr offenbart sich der Schöpfer durch Seine Namen und Eigenschaften. Der Qurʾān ermuntert den Menschen, die Welt nachsinnend zu betrachten, über die Gegebenheiten in der Welt nachzudenken und in der Vielfalt der Natur die Einheit ihres Ursprungs zu erkennen. „In der Erschaffung der Himmel und der Erde und im Wechsel von Nacht und Tag sind Zeichen für die Verständigen.“ (Sūra 3:190)

Diese Sichtweise verändert das Verhältnis des Menschen zur Welt grundlegend. Der Mensch ist nicht ihr Herrscher, sondern Verwalter (ḫalīfa).1 Die Dinge erhalten ihren Wert nicht durch ihre Nützlichkeit für den Menschen, sondern durch ihren Bezug zum Schöpfer.2

Selbst ein unscheinbares Blatt, ein Tropfen Wasser oder ein mit den Augen nicht sichtbares Tier besitzt im islāmischen Weltbild eine gottgewollte Würde, weil es von Allāh erschaffen wurde, eine gottgegebene Funktion erfüllt und Teil einer höheren Ordnung ist. Der Nutzen – der nicht verneint werden soll, jedoch vom Hauptzweck entthront wird – bestimmt nicht den Wert des Geschöpfes. Vielmehr ist es die göttliche, künstlerische Schönheit, die Allāh Seinem Geschöpf beimisst und die den wahren Wert ausmacht.3

In der qurʾānischen Perspektive ist die Natur ein von Zeichen geprägter Ort, der den Verständigen anspricht.4 Die Schönheit eines Sternenhimmels, die Regelmäßigkeit der Jahreszeiten, das feine Gleichgewicht im Kreislauf des Lebens sind nicht zufällig – sie sind Botschaften.5 Die Welt ist ein Gasthaus des Schöpfers,6 in dem der Mensch – als Ehrengast – eingeladen ist, zu sehen, zu staunen, zu danken.

Der Qurʾān spricht in diesem Zusammenhang nicht über das Sein um des Seins willen, wie es die Wissenschaftler tun.7 Vielmehr verweist er mit jedem Naturphänomen auf den Schöpfer, Seine Namen und Eigenschaften.8 Die Natur wird dabei nicht als abstraktes Objekt untersucht, sondern als Zeugnis der göttlichen Ordnung gelesen. Der Qurʾān fasst viele Phänomene knapp, bringt Gleichnisse oder spricht von alltäglichen Dingen in Bildern, die alle Menschen verstehen. Wenn der Qurʾān die Sonne als „Leuchte“ (Sūra 71:16) und „kreisendes Objekt“ (Sūra 36:38) beschreibt und sagt: „Die Sonne läuft“ (vgl. Sūra 36:38), ist damit in gewisser Hinsicht eine astronomische Erklärung geliefert – wobei die Astronomie nur Mittel zum Zweck ist.9 Denn diese Aussage ist ein Verweis auf die präzise Ordnung, mit der Allāh Tag und Nacht und die Jahreszeiten lenkt.10

So lädt der Qurʾān den Menschen ein, in den Erscheinungen der Welt nicht nur Funktion und Mechanik, sondern Sinn und Spur zu erkennen, die zu eine gottgewollten und nicht zufälligen Ordnung führt. Die qurʾānische Schöpfungsbetrachtung hebt die Dinge auf eine göttliche Ebene. Ihre Schönheit ist nicht zufällig, sondern gewollt. Ihr Wert wird nicht durch menschliches Interesse festgelegt, sondern durch die Intention ihres Erschaffers gegeben.11 In dieser Sichtweise liegt der Schlüssel zu einer neuen Wissenschaftshaltung: nicht gegen die Wissenschaft, sondern für eine Wissenschaft mit Herz, mit Gewissen, mit Staunen.

Wo die Moderne trennt – zwischen Subjekt und Objekt, Mensch und Welt – verbindet der Qurʾān. Wo die Moderne misst, ohne zu fragen, lädt der Qurʾān zum Nachdenken ein. Und wo die Moderne bewertet und den Nutzen bestimmt, erinnert der Qurʾān daran, was wirklich wertvoll ist – auch ohne Preis.

3. Schluss – Vom Nutzen zum Sinn

Die Gegenwart ist geprägt von einer Sicht auf die Welt, die den Wert der Dinge vor allem an ihrem Nutzen misst. Wissenschaft dient allzu oft wirtschaftlichen oder technologischen Zielen, während Sinnfragen und spirituelle Dimensionen in den Hintergrund treten. Natur wird reduziert auf Funktion und entfremdet den Menschen von seiner Umwelt.

Der Qurʾān bietet eine grundlegende Korrektur dieser Sichtweise. Er lädt den Menschen ein, die Schöpfung nicht als Rohstofflager, sondern als Zeichen und Ausdruck göttlicher Weisheit, Schönheit und Barmherzigkeit zu betrachten. Er stellt nicht den Nutzen ins Zentrum – auch wenn dieser nicht verneint wird – sondern den Wert der göttlichen Kunst. Und er erinnert den Menschen daran, dass die Würde der Welt nicht von ihm abhängt, sondern von ihrem Ursprung: Allāh, dem Schöpfer aller Dinge.

Der qurʾānische Zugang eröffnet neue Wege für die gesamte Menschheit, die Welt wieder mit offenen Armen begegnen zu wollen. In einer Zeit, in der Krisen zunehmen und der Sinn schwindet, liegt im Blick des Qurʾān auf die Schöpfung ein heilsames Angebot, den Menschen mit der Schöpfung wieder zu versöhnen.

Bibliographie

Nursi, Said. Harmonie des Lichts. Aus dem Risale-i Nur Gesamtwerk. Verein für Familien- und Jugendarbeit in Europa, 2016.

Nursi, Said. Worte. Aus dem Risale-i Nur Gesamtwerk. Verein für Familien- und Jugendarbeit in Europa, 2007.


  1. Siehe Sūra 2:30. ↩︎
  2. Siehe Nursi, Worte, 543. ↩︎
  3. Siehe Nursi, Worte, 543. ↩︎
  4. Siehe Sūra 3:190. ↩︎
  5. Siehe beispielsweise Sūra 3:191, 6:73, 23:115, 38:27, 44:38–39. ↩︎
  6. Sūra 2:29, 14:34, 16:18, 67:15 ↩︎
  7. Siehe Nursi, Worte, 420. ↩︎
  8. Siehe Nursi, Said, Harmonie des Lichts, 396. ↩︎
  9. Siehe Nursi, Said, Harmonie des Lichts, 398–99; Nursi, Worte, 421–22, 661–63. ↩︎
  10. Siehe Nursi, Worte, 421–22. ↩︎
  11. Im Qurʾān heißt es: „Und wenn die Wahrheit sich nach ihren Begierden gerichtet hätte, würden die Himmel, die Erde und wer darin ist in Unordnung stürzen.“ (Sūra 23, 71). ↩︎