Quelle und Hermeneutik

Samet Balci

Philosoph, islamischer Theologe, Doktorand der islamischen Philosophie

Kann es einen Gott geben, obwohl es so viel Übel und Leid in der Welt gibt?

Einleitung

Leid, moralisches Unrecht und die grenzüberschreitende Macht von Naturkatastrophen oder menschlicher Gewalt stellen grundlegende existentielle Fragen dar, die seit jeher sowohl die religiöse als auch die philosophische Tradition herausfordern. Seit jeher fordern sie sowohl religiöse als auch philosophische Traditionen heraus. Wenn Unschuldige erkranken, Kriege Leben zerstören oder Menschen einander bewusst Leid zufügen, dann wirft dies Zweifel an der Vorstellung eines Gottes auf, der allmächtig, allwissend und moralisch vollkommen ist. Das Spannungsverhältnis zwischen real erfahrbarem Übel und der Gottesvorstellung hat über Jahrhunderte hinweg viele Gläubige ins Zweifeln gebracht – und manche sogar zur Abkehr vom Glauben bewegt.1 Georg Büchner bezeichnet in seinem Drama „Dantons Tod“ das Theodizeeproblem als „Fels des Atheismus“.2 Gerade diese Spannung zwischen der erfahrbaren Wirklichkeit des Leids und der Vorstellung eines allmächtigen, gütigen Gottes wird als Theodizeeproblem bezeichnet. Wie lässt sich die Existenz eines guten und liebenden Gottes mit der Realität von Leid, Ungerechtigkeit und dem Bösen in der Welt vereinbaren?In diesem Zusammenhang sind folgende Fragen zentral: Was ist eigentlich Theodizee? Warum gilt sie als eines der grundlegendsten Probleme der Philosophie und Theologie? Und lässt sich dieses Problem überhaupt überzeugend lösen?

Hauptteil

Unterschiedliche Philosophien und Theologien haben sich mit dem Problem der Theodizee auseinandergesetzt und dabei unterschiedliche Argumentationen entwickelt. Das Theodizeeproblem stellt sich in der islāmischen, buddhistischen oder hinduistischen Religion nicht in derselben Weise wie in der christlichen Tradition.3 Es handelt sich vorrangig um ein in Europa entstandenes Phänomen, das eng mit der christlichen Theologie, ihren inneren Dynamiken und der europäischen Entwicklungsgeschichte verknüpft ist.4 Ein Taxifahrer in Kairo wird kaum an der Existenz Gottes zweifeln – selbst wenn er eine zehnköpfige Familie ernähren muss, sieben Tage die Woche arbeitet und täglich mit Herausforderungen und Leid konfrontiert ist. Er empfindet sein Schicksal nicht als „ungerecht“ oder als „Leid“. Hier spielen Konzepte der religiösen Prüfung, der Geduld (ṣabr), des Vertrauens (taṣlīm, tawakkul), der Dankbarkeit (šukr) und der menschlichen Begrenztheit in der Erkennung und Bewertung von Ereignissen als absolut gut oder schlecht eine bedeutende Rolle. Auf der anderen Seite sind jedoch in der westlichen Hemisphäre sehr viele Menschen aus dem Glauben ausgetreten oder nehmen den Glauben unter anderem aufgrund von logischen Inkonsistenzen nicht an.5

Theodizee (griech. theos – Gott und díkē– Gerechtigkeit/Rechtfertigung) bezeichnet die Frage, wie es möglich sein kann, dass Schlechtes in der Welt existiert, obwohl es einen allmächtigen, vollkommen guten und gerechten Schöpfer gibt. Gottfried Wilhelm Leibniz prägte 1710 in „Essais de Théodicée“ den Begriff Theodizee, um rational zu erklären, wie ein vollkommenes, mächtiges Wesen Übel zulassen kann, ohne moralisch kompromittiert zu sein. Er vertrat die Auffassung, dass unsere Welt „die beste aller möglichen Welten“ sei, in der das Übel Teil einer größeren göttlichen Harmonie ist. Mit dem Theodizeeproblem sind die Begriffe Übel, Leid und Böses eng verbunden. Übel bezeichnet unvermeidbare negative Gegebenheiten wie Alter, Tod, Naturkatastrophen oder Krankheiten, die nicht moralisch bewertet werden. Leiden ist das subjektive Erleben von Schmerz oder Qual, etwa durch Krankheit, Verlust oder Benachteiligung. Böses hingegen ist moralisches Übel, das aus bewussten schädigenden Handlungen wie Gewalt oder Täuschung resultiert.

Epikur fragte, ob ein gütiger und mächtiger Gott Übel zulassen könne.6 Laktanz verdichtete das Problem: Kann Gott Übel nicht beseitigen, ist er schwach; will er es nicht, ist er böse; kann und will er es, bleibt die Frage, warum Übel existiert.7 Daraus ergeben sich zwei Probleme: das logische Übelproblem, das die Koexistenz von Gottesglauben und Übel grundsätzlich für unvereinbar hält, und das Evidenzproblem, das angesichts sinnlosen Leids die Existenz eines allmächtig-gütigen Gottes als unwahrscheinlich bewertet.

Nahezu alle großen islāmischen Theologen und Philosophen haben sich mit dem Diskurs der Theodizee auseinandergesetzt. Eine Diskussion über den Ursprung der Debatte würde in diesem Rahmen zu weit führen. Es lässt sich jedoch sagen, dass die Debatte durch andere religiöse Gruppen und Strömungen Einzug in die islāmische Geisteswelt erhalten hat.8

In der Moderne greifen islāmische Denker wie Nasr das Theodizeeproblem auf und führen die Debatte im Licht der Tradition von Theologen und Philosophen wie al-Ġazālī und Ibn ʿArabī weiter. Nasr entwickelt eine metaphysische Theodizee, die von der Annahme ausgeht, dass Gott unendlich, absolut und vollkommen gut ist.9 Schöpfung bedeutet jedoch zugleich eine ontologische Trennung vom Ursprung, aus der das Böse hervorgeht. Dies ist kein eigenständiges Prinzip, sondern ein Mangel und eine Entfernung vom Guten – real in seiner Seinsstufe, letztlich aber dem Nichtsein zugehörig. Nur Gott allein ist reines Sein und reine Güte. In der neuplatonischen Metapher ist Gott wie die Sonne, aus der alle Sphären der Existenz hervorgehen. Je weiter ein Wesen vom göttlichen Ursprung entfernt ist, desto mehr treten Begrenztheit, Mangel und schließlich das Böse hervor. Das Böse ist eine Art „Verfestigung des Nichts“: relativ real, vor Gott jedoch illusionär. Diese Sicht macht verständlich, wie eine unvollkommene Welt mit einem vollkommen guten Gott vereinbar ist: Eine wahrhaft unendliche Realität muss auch die Möglichkeit der Negation enthalten, die sich in den verschiedenen Seinsstufen verwirklicht.10

Zentral ist die ontologische Differenz zwischen Gott und der Welt: Gott ist reines Sein, während die Welt durch ihre Trennung von ihm geprägt ist. Der Qurʾān beschreibt das Leben zudem als Prüfung (Sūra 67:2), in der Leid und Böses Gelegenheiten zur moralischen und spirituellen Reifung bieten. Während im Westen das Fehlen einer umfassenden Metaphysik zu Glaubenskrisen führte, blieb im Islām durch die Verbindung von qurʾānischer Lehre, philosophischer Reflexion und das Vertrauen in Gottes Wille der Glaube stabil Die Schöpfung gilt als sinnvoll und gut: „Unser Herr, Du hast dies nicht umsonst erschaffen“ (Sūra 3:191). Nasrs Lehre versteht das Böse nicht als göttliche Willkür, sondern als notwendige Folge der Selbstentfaltung des unendlich Guten in endlichen Seinsgraden. Zugleich ist das Leben als Prüfung gestaltet, in der das Erleben von Leid und Bösem zur moralischen und spirituellen Entwicklung beiträgt.

Schluss

Die Frage nach der Existenz Gottes angesichts von Übel und Leid lässt sich zwar allein durch rationale Argumente beantworten, verlangt jedoch vielmehr zusätzlich eine hermeneutische und holistische Reflexion der göttlichen Quelle und der Wirklichkeit. In der islāmischen Tradition zeigt sich, dass das Verständnis von Gott als allumfassender, unendlicher Ursprung und die Anerkennung der Welt als Prüfungsfeld das Theodizeeproblem in einen größeren Zusammenhang einbetten. Übel und Leid stehen demnach nicht im Widerspruch zum göttlichen Willen, sondern sind Ausdruck der ontologischen Distanz zur Quelle allen Seins und zugleich Gelegenheit zur moralischen und spirituellen Entwicklung. So eröffnet die hermeneutische Perspektive auf die göttliche Weisheit neue Wege, um die Spannungen zwischen Erfahrung und Glaube zu deuten und den Glauben an einen guten, gerechten Gott trotz des Leids in der Welt zu bewahren.

Literaturverzeichnis

•       Büchner, Georg. Dantons Tod. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2007.

•       Çağrıcı, Mustafa. „Şer.TDV İslâm Ansiklopedisi. Zugriff am 30.07.2025.
https://islamansiklopedisi.org.tr/ser–kotuluk#2-felsefe-ve-ahlak.

•       Fârâbî. „Felsefenin Temel Meseleleri.“ In: İslam Filozoflarından Felsefe Metinleri, hrsg. und übers. von Mahmut Kaya, S. 125–126. İstanbul: Klasik Yayınları, 2011.

•       Nasr, Seyyed Hossein. Islam. 2003.

•       Nasr, Seyyed Hossein. The Essential Seyyed Hossein Nasr. 2007.

•       Nasr, Seyyed Hossein. The Garden of Truth – The Vision and Promise of Sufism, Islam’s Mystical Tradition. 2008.

•       Von Storsch, Klaus. Theodizee. Wiesbaden: Springer VS, 2012.

•       Wirtz, Markus. Religionsphilosophie – Eine Einführung. Berlin: Springer, 2022.


  1. MUSTAFA ÇAĞRICI, “ŞER”, TDV İslâm Ansiklopedisi, https://islamansiklopedisi.org.tr/ser–kotuluk#2-felsefe-ve-ahlak (30.07.2025). ↩︎
  2. Büchner, Georg, Dantons Tod, 2007, Suhrkamp Verlag. ↩︎
  3. Von Storsch, Klaus, Theodizee, Wiesbaden 2012, S. 149. ↩︎
  4. Nasr, Seyyed Hossein – The Essential Seyyed Hossein Nasr (2007), S. 155; Nasr, Seyyed Hossein, Islam, 2003, S. 99, 100. ↩︎
  5. MUSTAFA ÇAĞRICI, “ŞER”, TDV İslâm Ansiklopedisi, https://islamansiklopedisi.org.tr/ser–kotuluk#2-felsefe-ve-ahlak (30.07.2025). ↩︎
  6. Wirtz, Markus, Religionsphilosophie – Eine Einführung, Berlin 2022, S. 216. ↩︎
  7. Ebd. ↩︎
  8. MUSTAFA ÇAĞRICI, “ŞER”, TDV İslâm Ansiklopedisi, https://islamansiklopedisi.org.tr/ser–kotuluk#2-felsefe-ve-ahlak (30.07.2025). ↩︎
  9. Nasr, Seyyed Hossein – The Essential Seyyed Hossein Nasr (2007. S. 46, 47; Nasr, Seyyed Hossein – The Garden of Truth, The Vision and Promise of Sufism Islam’s Mystical Tradition (2008), S. 54 f. ↩︎
  10. Nasr, Seyyed Hossein – The Essential Seyyed Hossein Nasr (2007. S. 46, 47; Nasr, Seyyed Hossein – The Garden of Truth, The Vision and Promise of Sufism Islam’s Mystical Tradition (2008), S. 54 f. ↩︎