Religion

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Abbas Ramadan

Theologe, Islamwissenschaftler, Doktorand

Der Ursprung der Religion

1. Einleitung

Die Frage nach dem Ursprung der Religion zählt zu den zentralen Themen der Geistes- und Sozialwissenschaften, besonders der Religionswissenschaft.1 Seit Jahrtausenden prägt Religion Kulturen, formt moralische Werte und beeinflusst das gesellschaftliche Zusammenleben. Bis heute bleibt sie eine der bedeutendsten Kräfte der Weltgeschichte.2 Doch worin liegt ihr Ursprung? Lässt sich dieser Ursprung eindeutig bestimmen? Mit derartigen Fragestellungen setzt sich der folgende Beitrag auseinander.

1.1.  Was ist Religion?

Bevor der Ursprung der Religion untersucht werden kann, erscheint es erforderlich, zunächst eine Definition des Begriffs „Religion“ zu erarbeiten. Diese Frage mag zunächst unbedeutend erscheinen, gehört jedoch zu den am intensivsten diskutierten Themen innerhalb der Religionswissenschaft.3 Zahlreiche Theorien und Erklärungen existieren, jedoch ohne eine allgemein akzeptierte Definition hervorzubringen.

Häufig wird Religion als bewusste Hinwendung des Menschen zu einer höheren Macht verstanden – oftmals zu Gott. Diese Hinwendung ist in der Regel mit Geboten oder Regeln verbunden, die als Ausdruck eines göttlichen Willens betrachtet werden. Religionen beruhen in vielen Fällen auf heiligen Schriften, wie etwa der Thora im Judentum, der Bibel im Christentum oder dem Koran im Islam. Diese heiligen Texte dienen als grundlegende Quellen für Glaubensüberzeugungen und bestimmen maßgeblich die Lebensweise der jeweiligen Gemeinschaften.

Eine alternative Perspektive, insbesondere innerhalb der islamischen Religion vertreten, betrachtet Religion nicht ausschließlich als eine durch heilige Schriften hervorgebrachte Tradition, sondern vielmehr als eine dem Menschen innewohnende Veranlagung.4 In diesem Zusammenhang wird im Islam das Konzept der „Fiṭra“ verwendet, das eine angeborene Neigung des Menschen beschreibt, an Gott zu glauben und eine Beziehung zu Ihm aufzubauen. Diese natürliche Veranlagung kann jedoch durch kulturelle, gesellschaftliche oder erzieherische Einflüsse geformt oder verändert werden.

2. Hauptteil

2.1. Zwei Perspektiven auf den Ursprung der Religion

Bei der Betrachtung dieser beiden Sichtweisen wird ersichtlich, dass der Mensch nicht nur die Fähigkeit zur Religiosität besitzt, sondern auch eine angeborene Neigung dazu, nach Sinn, Wahrheit und einer höheren Macht zu suchen. Während sich die Formen des Glaubens, die Vorstellungen von Gott und religiöse Praktiken im Laufe der Geschichte gewandelt haben, bleibt die Suche nach einer höheren Macht bestehen.

Die erste Perspektive – die Entstehung von Religion durch heilige Schriften – ermöglicht es, deren Ursprung historisch zu bestimmen. Der Zeitpunkt und Ort der Entstehung einer Religion lassen sich durch historische Analysen eingrenzen.

Die zweite Perspektive hingegen betrachtet Religion als eine natürliche Eigenschaft des Menschen. In diesem Fall wäre Religion so alt wie die Menschheit selbst. Ihr Ursprung läge demnach in der inneren Veranlagung des Menschen, mit einer höheren Macht in Kontakt zu treten. 

Dieses Streben nach Transzendenz wäre dem Menschen ebenso innewohnend wie bestimmte Verhaltensweisen in der Tierwelt, da es nicht durch äußere Einflüsse erlernt werden muss, sondern von Geburt an vorhanden ist. Genauso wie ein Löwe instinktiv das Jagen in sich hat oder ein Vogel ohne vorherige Anweisung das Fliegen beherrscht, trägt der Mensch eine innere Anlage in sich, die ihn zur Suche nach einer höheren Wahrheit antreibt.5 Dies zeigt sich in der universellen Verbreitung religiöser Praxis, die über verschiedene Kulturen und Epochen hinweg nachgewiesen werden kann. Die religiöse Orientierung ist demnach kein zufälliges oder kulturell beliebiges Phänomen, sondern grundlegend im menschlichen Dasein vorhanden.

2.2. Der wahre Ursprung der Religion

Die zuvor betrachteten Perspektiven führen zu einer Erkenntnis: Religion ist im Wesentlichen eine Kontaktaufnahme zwischen dem Menschen und Gott. Die heiligen Schriften können in diesem Zusammenhang als eine Antwort Gottes auf das Bedürfnis des Menschen nach Orientierung und Sinn verstanden werden – eine direkte Botschaft des Schöpfers an Seine Geschöpfe. Gleichzeitig verspürt der Mensch ein inneres Verlangen, sich an diesen Schöpfer zu wenden.6 Dies legt nahe, dass Religion nicht nur eine einseitige menschliche Suche ist, sondern eine wechselseitige Beziehung, in der der Mensch nach Gott ruft und Gott ihm antwortet.

Wenn Religion als ein Gespräch betrachtet wird, stellt sich unweigerlich die Frage: Wer hat dieses Gespräch begonnen? Ist es der Mensch, der nach Gott ruft, oder ist es Gott, der zuerst mit den Menschen spricht? Die Beantwortung dieser Frage führt direkt zur Klärung des Ursprungs der Religion.

Wenn die heiligen Schriften als Antwort auf das innere Bedürfnis der Menschheit betrachtet werden, wird ersichtlich, dass die Kontaktaufnahme ursprünglich von Gott selbst ausgeht. Denn eine Suche setzt voraus, dass das Gesuchte bereits in irgendeiner Weise bekannt oder zumindest erahnt wird. Das menschliche Streben nach Gott wäre demnach keine zufällige Entwicklung, sondern eine Reaktion auf einen bereits bestehenden göttlichen Ruf. In diesem Sinne wäre Religion nicht lediglich eine Erfindung des Menschen, sondern vielmehr die Fortsetzung eines Dialogs, der seinen Ursprung in Gott selbst hat.

Der zuvor erläuterte Gedanke lässt sich an geschichtlichen Ereignissen veranschaulichen:

Alexander Fleming suchte ursprünglich nicht nach einem Heilmittel gegen bakterielle Infektionen. Doch eines Tages machte er eine unerwartete Beobachtung: Bestimmte Schimmelpilze hemmten das Wachstum von Bakterien. Erst nachdem er diese Entdeckung gemacht hatte, begann er gezielt zu forschen und fand schließlich das Penicillin – das erste wirksame Antibiotikum. Die Suche nach einer Lösung begann also erst, nachdem ein Hinweis entdeckt wurde.

Ein weiteres Beispiel bietet die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus. Seine ursprüngliche Absicht war es nicht, einen neuen Kontinent zu entdecken, sondern eine alternative Seeroute nach Indien zu finden. Erst als er auf unbekanntes Land stieß, wurde ihm allmählich bewusst, dass er etwas völlig Neues entdeckt hatte. Von diesem Moment an verlagerte sich sein Interesse auf das neu gefundene Land. Dies zeigt, dass eine gezielte Suche oft erst dann beginnt, wenn erste Anzeichen oder Spuren auf etwas bislang Unbekanntes aufmerksam machen.

Diese Beispiele lassen sich auf das Verhältnis des Menschen zu Gott übertragen: Erst wenn der Mensch Zeichen für die Existenz einer höheren Macht wahrnimmt – sei es durch persönliche Erfahrungen, Naturphänomene oder heilige Schriften, beginnt er, gezielt nach dieser höheren Wirklichkeit zu suchen. Die Offenbarung Gottes kann in diesem Zusammenhang als eine Antwort auf diese innere Suche betrachtet werden.

Daraus ergibt sich die Schlussfolgerung: Der eigentliche Ursprung der Religion liegt nicht beim Menschen, sondern bei Gott selbst. Religion existiert, weil Gott mit den Menschen in Verbindung treten möchte und beginnt ein Dialoge mit ihnen. Die menschliche Suche nach Gott ist somit keine willkürliche Entscheidung, sondern eine Reaktion auf göttliche Hinweise, die den Menschen dazu veranlassen, nach einer höheren Wahrheit zu streben.

Diese wechselseitige Beziehung zwischen Gott und Mensch zeigt, dass Religion Ausdruck eines Dialogs ist, der über Zeit und Raum hinausgeht. Sie ist ein Dialog, der nicht nur auf menschlichem Streben basiert, sondern auf einer göttlichen Einladung gründet. So wird deutlich, dass Religion nicht allein vom Menschen erschaffen wurde, sondern aus einer tiefen, ursprünglichen Verbindung zwischen Schöpfer und Geschöpf erwächst.

Religion begleitet die Menschheit seit ihren Anfängen und zeigt sich in vielfältigen Formen. Unabhängig davon, ob sie als Ergebnis heiliger Schriften oder als natürliche Veranlagung betrachtet wird – eines bleibt eindeutig: Religion ist ein Gespräch, eine Kontaktaufnahme zwischen Gott und der Menschheit. Ihr Ursprung liegt sowohl im Menschen als auch bei Gott, da beide den Kontakt zueinander suchen. Diese Erkenntnis verleiht Religion bis heute ihre Bedeutung und Kraft, denn sie macht deutlich, dass der Mensch nicht allein ist, sondern stets in einem Dialog mit seinem Schöpfer steht.

Im Evangelium nach Matthäus (7:7–8) heißt es sinngemäß: „Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet. Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet.“ Im Koran heißt es: „Und wenn dich Meine Diener nach Mir fragen, so antworte ihnen, dass Ich nahe bin. Ich erhöre den Ruf des Bittenden, wenn er Mich anruft. So sollen sie Meinem Ruf folgen und an Mich glauben, auf dass sie rechtgeleitet werden (Sūra 2:186)… Euer Herr spricht: ‚Bittet Mich, so will Ich euch erhören!‘ (Sūra 40:60)… Diejenigen aber, die sich um Unseretwillen bemühen, werden Wir gewiss auf Unseren Wegen leiten. Denn Allah ist mit denen, die Gutes tun (Sūra 29:69).“

Letztendlich liegt es am Menschen, ob er dieses Gespräch sucht oder seine natürliche Veranlagung und sein tiefstes Bedürfnis ignoriert. Die Geschichte zeigt: Dieses Gespräch wurde immer gesucht und wird weiterhin gesucht. Das ursprüngliche Verlangen nach dieser Verbindung begleitet den Menschen, sei es bewusst oder unbewusst. Denn wahre innere Ruhe findet das Herz erst dann, wenn es sich mit demjenigen verbindet, der es erschaffen hat und mit ihm sprechen möchte.

3. Schluss

In Anbetracht der dargestellten Überlegungen lässt sich festhalten, dass Religion mehr als eine kulturelle oder gesellschaftliche Konstruktion ist. Sie ist Ausdruck einer tief verwurzelten Beziehung zwischen Mensch und Gott. Diese Beziehung findet ihren Ausdruck in der menschlichen Suche nach Sinn, Wahrheit und einer höheren Wirklichkeit, die sich in allen Epochen und Kulturen nachweisen lässt.

Ob Religion als Ergebnis göttlicher Offenbarung oder als eine dem Menschen innewohnende Veranlagung betrachtet wird, führt stets zu derselben Erkenntnis: Der Mensch ist auf die Suche nach dem Transzendenten, nach einem ewigen Dasein ausgerichtet, während Gott ihm in dieser Suche entgegenkommt.7 In diesem wechselseitigen Dialog offenbart sich der wahre Ursprung der Religion, der nicht allein in der menschlichen Sehnsucht, sondern ebenso in der göttlichen Antwort zu finden ist.

Diese wechselseitige Verbindung macht deutlich, dass Religion nicht nur ein historisches Phänomen ist, sondern eine zeitlose Realität, die den Menschen in seinem Streben nach Erkenntnis und Sinn begleitet. Solange diese Suche existiert, solange der Mensch nach Antworten auf die grundlegenden Fragen seines Daseins verlangt, wird Religion auch weiterhin eine zentrale Rolle im menschlichen Leben spielen.

4. Bibliographie

Armstrong, Karen. A History of God: The 4000-Year Quest of Judaism, Christianity and Islam / by Karen Armstrong. 9. print. Knopf, 1994.

Bangert, Kurt. Muhammad. Springer Fachmedien Wiesbaden, 2016. https://doi.org/10.1007/978-3-658-12956-9.

Bergunder, Michael. „Was ist Religion? Kulturwissenschaftliche Überlegungen zum Gegenstand der Religionswissenschaft“. Zeitschrift für Religionswissenschaft (Berlin) 19, Nr. 1–2 (2011): 3–55. https://doi.org/10.1515/zfr-2011-0001.

Fitz, Martin. „Religion: Krankheit oder Bedürfnis?“ Wien, 2020.

Holsten, C. Ursprung und Wesen der Religion: Thesen und Vortrag / C. Holsten. Reprint 2019. De Gruyter, 1886. https://doi.org/10.1515/9783111455112.

Kulcsar, Benjamin. „Die Religiöse Entwicklung in Der Adoleszenz: Wissenschaftliche Kontroverse Über Die Traditionellen Kognitiv-Strukturellen Stufentheorien (Religious Development in Adolescence: Scientific Controversy Surrounding the Traditional Cognitive‑Structural Stage Theories)“. Pretoria, 2004.

Meyer-Magister, Rolf Schieder |, Hendrik. „Neue Rollen der Religion in modernen Gesellschaften“. bpb.de, 3. Juni 2013. https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/162385/neue-rollen-der-religion-in-modernen-gesellschaften/.

Nursi, Said. Harmonie des Lichts. Aus dem Risale-i Nur Gesamtwerk. Verein für Familien- und Jugendarbeit in Europa, 2016.

POLLACK, DETLEF. „Wirklichkeitsflucht Oder Wirklichkeitsbewältigung – Was Ist Religion?“ Deutsche Zeitschrift Für Philosophie 38, Nr. 7 (1990): 660–68. https://doi.org/10.1524/dzph.1990.38.7.660.


  1. Siehe POLLACK, „Wirklichkeitsflucht Oder Wirklichkeitsbewältigung – Was Ist Religion?“, 660f.; Bergunder, „Was ist Religion?“, 3–4; Holsten, Ursprung und Wesen der Religion, 1ff. ↩︎
  2. Siehe Armstrong, A History of God, 12ff.; Meyer-Magister, „Neue Rollen der Religion in modernen Gesellschaften“. ↩︎
  3. Siehe Bergunder, „Was ist Religion?“, 4; Bangert, Muhammad, 13–21. ↩︎
  4. Unter anderem Holsten Holsten, Ursprung und Wesen der Religion. Der Prophet Muḥammad ﷺ (mit dem der Frieden und Segen sei) sagte sinngemäß: „Jeder Mensch wird mit einer natürlichen Veranlagung geboren wird…“ Sahih Muslim, Nr. 22. Des Weiteren heißt es im Koran (Sūra 30:30) sinngemäß: „Darum richte dein Angesicht ausschließlich auf die Religion als jemand, der reinen Glaubens ist. Das ist die ursprüngliche Veranlagung, die von Allāh ausgeht und auf deren Grundlage Er die Menschheit hervorgebracht hat…“. ↩︎
  5. Vgl. Nursi, Said, Harmonie des Lichts, 312–13. ↩︎
  6. Siehe Fitz, „Religion: Krankheit oder Bedürfnis?“, 18ff. ↩︎
  7. Siehe Kulcsar, „Die Religiöse Entwicklung in Der Adoleszenz: Wissenschaftliche Kontroverse Über Die Traditionellen Kognitiv-Strukturellen Stufentheorien (Religious Development in Adolescence: Scientific Controversy Surrounding the Traditional Cognitive‑Structural Stage Theories)“, 18–19. ↩︎