Religion

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Abbas Ramadan

Theologe, Islamwissenschaftler, Doktorand

Notwendigkeit der Religion

1. Einleitung – Frage nach der Notwendigkeit der Religion

Die Frage nach der Notwendigkeit der Religion ist ein Thema, das immer mehr Aufmerksamkeit genießt. Die Auffassung dessen, was als notwendig gilt, unterliegt einem stetigen Wandel. Was in vergangenen Epochen als lebenswichtig galt, kann heutzutage an Relevanz verloren haben. Entsprechende Entwicklungen lassen sich in vielen Bereichen des Alltags beobachten: Vor Jahrtausenden war die Wasserversorgung mit erheblichem Aufwand verbunden, da Wasser mühsam aus Quellen oder Flüssen geschöpft und transportiert werden musste. In bestimmten Regionen der Welt stellt dies noch immer eine Herausforderung dar. In Ländern wie Deutschland hingegen ist der Zugang zu sauberem Trinkwasser denkbar einfach – ein Dreh am Wasserhahn genügt.

Ähnlich verhält es sich mit zahlreichen weiteren Aspekten des täglichen Lebens. Die Frage, die sich daraus ableitet, lautet: Trifft eine ähnliche Entwicklung auch auf Religion zu? War sie in der Vergangenheit von essenzieller Bedeutung, während sie in der modernen Gesellschaft an Notwendigkeit eingebüßt hat? Oder bleibt Religion weiterhin eine grundlegende Komponente menschlichen Lebens?

Bereits im 19. und 20. Jahrhundert wurde von zahlreichen Wissenschaftlern, insbesondere im Zuge der Säkularisierungstheorien, ein fortschreitender Bedeutungsverlust der Religion vorhergesagt. Es wurde angenommen, dass mit zunehmendem wissenschaftlichen Fortschritt, wirtschaftlicher Entwicklung und wachsender Aufklärung die religiöse Praxis zurückgehen würde. Die Realität zeigt jedoch ein anderes Bild: Während in manchen Regionen der Welt eine Abkehr von traditionellen Glaubenssystemen zu beobachten ist, bleibt Religion in vielen Gesellschaften weiterhin eine prägende Kraft. Zudem haben sich neue Formen religiöser Praxis und Spiritualität herausgebildet, die zeigen, dass das Bedürfnis nach Transzendenz, nach einem „Danach“, Sinnsuche und moralischer Orientierung nicht verschwunden ist.1

Dieser Beitrag setzt sich mit dieser Fragestellung auseinander und analysiert, inwiefern Religion heute noch als notwendig betrachtet werden kann.

2. Definition von Notwendigkeit

2.1. Notwendig

Um über die Notwendigkeit von Religion sprechen zu können, muss zunächst geklärt werden, was unter „notwendig“ zu verstehen ist. Da Definitionen oft kontrovers diskutiert werden, wird hier eine allgemeingültige und leicht verständliche Definition dargelegt. Demnach gilt etwas als notwendig, wenn es nicht anders sein kann, also unumgänglich, zwingend und unveränderbar ist.

Ein Beispiel für eine solche Notwendigkeit findet sich in Aussagen wie: „Wasser ist nass“ oder „Alle Junggesellen sind unverheiratet“. Beide Sätze können nicht falsch sein, da Wasser per Definition die Eigenschaft der Nässe besitzt und das Wort „Junggeselle“ bereits impliziert, dass es sich um eine unverheiratete Person handelt. Notwendigkeit bedeutet in diesem Sinne, dass eine bestimmte Gegebenheit oder ein Sachverhalt unvermeidlich, nötig und unveränderbar ist. Im Alltag wird dies oft durch Formulierungen wie „Das muss so sein“ ausgedrückt.

Diese Form der Notwendigkeit wird als „objektive Notwendigkeit“ bezeichnet, da sie unabhängig von subjektiven Meinungen oder Perspektiven existiert. Sie beruht auf logischen oder naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten und bleibt in jeder Situation gültig. Sie bildet den ersten Teil der Definition von „notwendig“ und „Notwendigkeit“.

2.2. Objektive und subjektive Notwendigkeit

Neben der objektiven Notwendigkeit existiert eine zweite, stärker von individuellen Empfindungen geprägte Form: die „subjektive Notwendigkeit“. Während objektive Notwendigkeiten allgemeingültig sind, hängt subjektive Notwendigkeit von persönlichen Überzeugungen, Bedürfnissen oder Wertvorstellungen ab.

Ein Beispiel hierfür ist die Bedeutung bestimmter Gewohnheiten oder Vorlieben im Alltag. Während Essen und Trinken für alle Menschen objektiv lebensnotwendig sind, können andere Dinge, wie regelmäßiger Sport oder das Hören von Musik, für einzelne Individuen subjektiv unverzichtbar sein. Obwohl diese Tätigkeiten aus biologischer Sicht nicht zwingend erforderlich sind, empfinden viele Menschen sie dennoch als notwendigen Bestandteil ihres Lebens.

Überträgt man diese Unterscheidung auf Religion, stellt sich die zentrale Frage: Ist Religion eine objektive Notwendigkeit, die für alle Menschen gleichermaßen gilt, oder handelt es sich um eine subjektive Notwendigkeit, die nur für bestimmte Individuen von Bedeutung ist? Die Beantwortung dieser Frage ist entscheidend, um zu bestimmen, ob Religion in der heutigen Gesellschaft weiterhin als notwendig angesehen werden kann oder ob sie lediglich eine persönliche Orientierungshilfe darstellt.

3. Subjektive Notwendigkeit der Religion

Die subjektive Notwendigkeit der Religion variiert erheblich zwischen Gesellschaften und Einzelpersonen. Während einige Menschen ihre religiöse Überzeugung als wesentlichen Bestandteil ihres Lebens betrachten, sehen andere darin eine persönliche Wahl, die nicht zwingend notwendig ist.

Untersuchungen zeigen, dass ein erheblicher Teil der Weltbevölkerung Religion als unverzichtbaren Bestandteil des eigenen Lebens ansieht.2 Die persönliche Bindung zum Glauben beeinflusst dabei maßgeblich die Wahrnehmung der Notwendigkeit von Religion. Menschen, die eine starke religiöse Identität besitzen, empfinden ihre Religion als essenziell und betrachten sie als unverzichtbare Quelle für moralische Orientierung und Sinnstiftung.

Zugleich gibt es Personen, die dieses Bedürfnis nicht verspüren oder sich bewusst von religiösen Praktiken distanzieren. In diesen Fällen wird Religion nicht als notwendig betrachtet.3 Dies zeigt, dass die subjektive Notwendigkeit der Religion stark von persönlichen Überzeugungen, sozialen Einflüssen und individuellen Lebensumständen abhängt. Die Bewertung der Religion als notwendig oder verzichtbar ist somit eine Frage der individuellen Wahrnehmung, die in engem Zusammenhang mit persönlichen Wertvorstellungen und existenziellen Fragestellungen steht. Global betrachtet ist festzustellen, dass die Mehrheit der Menschheit eine Religion angenommen hat und danach zu leben trachtet.4

4. Objektive Notwendigkeit der Religion

Während die subjektive Notwendigkeit von individuellen Einstellungen abhängt, stellt sich die Frage, ob Religion auch objektiv notwendig ist – also unabhängig von persönlichen Wünschen eine grundlegende Bedeutung für den Menschen besitzt. In diesem Zusammenhang argumentieren verschiedene Theorien, dass der Mensch von Natur aus mit einer Neigung zur Religiosität ausgestattet sei, wodurch Religion eine universelle Konstante in der Menschheitsgeschichte darstellt. Betrachtet man die Vergangenheit in diesem Zusammenhang, zeigt sich, dass Religion stets ein fester Bestandteil der Menschheitsgeschichte war und auch heute noch existiert und gelebt wird.

Wie grundlegende Bedürfnisse nach Nahrung, Wasser, sozialer Zugehörigkeit oder Sicherheit wird auch das Bedürfnis nach Sinn und Transzendenz als wesentlicher Bestandteil des menschlichen Daseins betrachtet. Analog dazu, wie das Bedürfnis nach Kommunikation den Menschen dazu veranlasst zu sprechen oder sich über andere Formen der Verständigung auszudrücken, treibt das Bedürfnis nach metaphysischer, göttlicher Orientierung den Menschen dazu, nach einer höheren Macht zu suchen oder sich einer religiösen Gemeinschaft anzuschließen.

Die Vernachlässigung dieser inneren Veranlagung kann zu Gefühlen der Unsicherheit, Sinnleere oder existenziellen Krisen führen. Studien belegen, dass Religion für viele Menschen als Quelle für psychisches Wohlbefinden, soziale Stabilität und moralische Orientierung dient.5 Selbst in weitgehend säkularisierten Gesellschaften zeigt sich, dass religiöse Praktiken und Überzeugungen für viele Individuen eine wichtige Rolle spielen.6

Dies führt zu der Schlussfolgerung, dass Religion nicht nur eine kulturelle Erscheinung, sondern möglicherweise eine fundamentale Dimension des Menschseins darstellt. Auch wenn einzelne Menschen dieses Bedürfnis nicht verspüren oder aktiv ablehnen, bleibt die tief verwurzelte Suche nach Sinn und Orientierung eine Konstante der menschlichen Existenz. Religion wäre demnach objektiv notwendig, da sie einen zentralen Bestandteil des menschlichen Wesens ausmacht.

5. Schluss

Religion begleitet die Menschheit seit ihren Anfängen. Sie dient als Quelle der Orientierung, bietet Halt und trägt zur Sinnstiftung bei. Wie dargelegt, ist Religion in zweierlei Hinsicht als notwendig anzusehen: Einerseits in subjektiver Hinsicht, da viele Menschen sie als integralen Bestandteil ihres Lebens betrachten, andererseits in objektiver Hinsicht, da der Mensch über ein tief verankertes Bedürfnis nach Transzendenz verfügt – ein Bedürfnis, das in seiner Bedeutung mit Grundbedürfnissen wie Nahrung, Wasser und sozialer Zugehörigkeit verglichen werden kann.

Trotz dieser Erkenntnisse variiert die persönliche Haltung zur Religion erheblich. Während einige Menschen Religion als weniger bedeutsam oder sogar entbehrlich betrachten, erleben andere sie als essenzielle Quelle von Kraft, Trost und moralischer Orientierung. Unabhängig von individuellen Überzeugungen bleibt jedoch festzustellen, dass Religion ein konstanter Bestandteil der Menschheitsgeschichte ist und nicht einfach aus dem gesellschaftlichen Leben verschwinden kann.

6. Bibliographie

Bildung, Bundeszentrale für politische. „Religiöser und spiritueller Glaube“. bpb.de, 20. März 2019. https://www.bpb.de/kurz-knapp/zahlen-und-fakten/europa/70645/religioeser-und-spiritueller-glaube/.

Gerone, Lucas Guilherme Teztlaff de. „Eine statistische Analyse der Spiritualität unter Gesundheitsfachleuten eines Krankenhauses in Curitiba-PR“. Revista Científica Multidisciplinar Núcleo do Conhecimento 01, Nr. 09 (2020): 72–88.

Moser, Peter. Religiosität und Spiritualität heute – Eine Analyse der Erhebung zur Sprache Religion und Kultur 2019 für den Kanton Zürich. 2021.

Statista Research Department. „Themenseite: Religion weltweit“. Statista, 2025. https://de.statista.com/themen/13033/religion-weltweit/.


  1. Siehe Moser, Religiosität und Spiritualität heute – Eine Analyse der Erhebung zur Sprache Religion und Kultur 2019 für den Kanton Zürich. ↩︎
  2. Siehe Bildung, „Religiöser und spiritueller Glaube“. ↩︎
  3. Siehe Bildung, „Religiöser und spiritueller Glaube“. ↩︎
  4. Siehe Statista Research Department, „Themenseite“. ↩︎
  5. Siehe Gerone, „Eine statistische Analyse der Spiritualität unter Gesundheitsfachleuten eines Krankenhauses in Curitiba-PR“. ↩︎
  6. Siehe Moser, Religiosität und Spiritualität heute – Eine Analyse der Erhebung zur Sprache Religion und Kultur 2019 für den Kanton Zürich. ↩︎