Religion

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Abbas Ramadan

Theologe, Islamwissenschaftler, Doktorand

Ziel der Religion

1. Einleitung

Der Mensch ist von Natur aus ein zielorientiertes Wesen. Dies bedeutet, dass er stets nach einer Richtung und einem klaren Sinn in seinem Leben sucht. Diese Zielorientierung zeigt sich darin, dass Menschen bewusst oder unbewusst stets darauf hinarbeiten, etwas zu erreichen. Dabei kann es sich sowohl um alltägliche, einfache Ziele handeln – etwa die Zubereitung einer Mahlzeit – als auch um weitreichendere, existenzielle Bestrebungen wie den Wunsch, einen bestimmten Beruf zu ergreifen oder ein erfülltes Leben zu führen.

Religion bietet seit Jahrtausenden Zielvorstellungen und zeigt Wege auf, diese zu verwirklichen. Doch was ist das eigentliche Ziel, das Religion verfolgt? Geht es um persönliches Glück, um gesellschaftliche Ordnung durch ethische und gesetzliche Vorgaben oder um eine noch umfassendere Dimension? Diese Fragestellung wird im folgenden Essay eingehend untersucht.

1.1 Definition

Ein Ziel wird im Allgemeinen als etwas verstanden, das erreicht oder verwirklicht werden soll. Dabei spielt es keine Rolle, ob dieses Ziel leicht oder nur unter erheblichem Aufwand zu erreichen ist. Entscheidend ist, dass es eine klare Richtung vorgibt, die dem eigenen Handeln Sinn und Orientierung verleiht.1

Ziel und Zweck einer Sache werden im Allgemeinen als ein bestimmter, anzustrebender Zustand definiert, der durch bewusstes Handeln erreicht werden soll. Somit hängt die Bestimmung eines Ziels eng mit der dahinterstehenden Absicht zusammen.2 Eine der zentralen Möglichkeiten, eine Absicht zu formulieren und damit das eigene Ziel offenzulegen, ist die Sprache. Wie bereits dargestellt, verfolgen Menschen kontinuierlich Ziele, die ihrem Leben Struktur verleihen und Orientierung bieten. Diese Zielgerichtetheit ermöglicht es ihnen, sich in der Welt zurechtzufinden.3

2. Hauptteil

2.1 Ziele im Leben des Menschen und Ziele der Religion

In ähnlicher Weise verfolgen Religionen das Ziel, den Menschen Orientierung zu geben, indem sie Werte, moralische Richtlinien und eine übergeordnete Lebensausrichtung vorgeben. Im religiösen Kontext werden solche Zielsetzungen häufig in heiligen Schriften dargelegt, die den Gläubigen Orientierung bieten. Es ist bekannt, dass die Religion dem Menschen einen Weg aufzeigt, bestimmte Werte oder übergeordnete Bestrebungen zu verwirklichen.

Obwohl sich die Zielsetzungen von Religion zu Religion unterscheiden, lässt sich feststellen, dass sie alle im Kern darauf abzielen, dem menschlichen Dasein eine tiefere Bedeutung zu verleihen.

2.2 Verschiedene Ziele der Religionen

Bei einer genaueren Betrachtung religiöser Traditionen zeigt sich, dass diese unterschiedlichen Schwerpunkte in der Zielsetzung setzen. Ein wesentliches Ziel vieler Religionen ist beispielsweise die moralische Erziehung des Menschen. Durch religiöse Gebote, ethische Lehren und rituelle Handlungen wird vermittelt, wie ein gerechtes, respektvolles und friedliches Zusammenleben gefördert werden kann. Religion trägt somit zur gesellschaftlichen Stabilität und zur Entwicklung ethischer Prinzipien bei.4

Ein weiteres Ziel religiöser Lehren besteht darin, dem Menschen innere Ruhe und spirituelle Erfüllung zu ermöglichen. Durch die Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen – etwa nach dem Sinn des Lebens, dem Ursprung der Schöpfung oder dem Zustand nach dem Tod – bietet Religion Orientierung und Trost.5

Diese Aspekte machen deutlich, dass Religion in vielerlei Hinsicht eine positive Wirkung auf den Menschen hat. Dennoch bleibt die Frage nach dem höchsten Ziel der Religion offen: Was ist ihr übergeordneter Zweck? Worin liegt ihre tiefste Bedeutung?

2.3 Das übergeordnete Ziel: Die Verbindung mit dem Göttlichen

Neben den individuellen und gesellschaftlichen Zielen verfolgt Religion ein übergeordnetes Ziel, das sie grundlegend von anderen Lebensbereichen unterscheidet: Sie strebt danach, den Menschen mit Gott zu verbinden.6 In diesem Zusammenhang spielt der Begriff der Transzendenz eine zentrale Rolle. Transzendenz bedeutet wörtlich „Überschreiten“ und beschreibt die Fähigkeit des Menschen, über die Grenzen seines eigenen Daseins hinauszugehen, um eine Verbindung mit einer höheren Wirklichkeit herzustellen.7 Religion bietet somit einen Rahmen, der es dem Menschen ermöglicht, über seine begrenzte, materielle Existenz hinauszublicken und eine Beziehung zum göttlichen, ewigen Dasein zu entwickeln.

Diese Verbindung besitzt eine grundlegende Bedeutung, da sie nicht nur Orientierung und Sinn für das irdische Leben schenkt, sondern auch die Hoffnung auf ein ewiges Leben nach dem Tod vermittelt. Religiöse Traditionen vertreten die Vorstellung, dass das menschliche Dasein nach dem Tod nicht endet, sondern in einer anderen Form weiterbesteht. Dabei wird betont, dass die Qualität dieses ewigen Lebens in einem engen Zusammenhang mit der gelebten Beziehung zu Gott im Diesseits steht. Die Religion vermittelt also nicht nur eine Ordnung für das gegenwärtige Leben, sondern auch eine Perspektive für die Ewigkeit. Mit dieser Vorstellung des ewigen Lebens ist zugleich das Streben nach Glückseligkeit verbunden. Diese wird in religiösen Traditionen als das höchste Gut angesehen und bildet das endgültige Ziel menschlichen Strebens.8 Der Wunsch nach Glück ist universell und betrifft Menschen unabhängig von Alter, sozialem Status oder kultureller Prägung. Die Sehnsucht nach dauerhaftem Wohlergehen, Frieden und Freude ist ein zentrales Element menschlichen Daseins. Religionen formulieren genau dieses Streben als ein übergeordnetes Ziel: die unvergängliche Glückseligkeit in der ewigen Gemeinschaft mit Gott.

Das höchste Ziel der Religion besteht somit darin, den Weg zur Erlangung dieser Glückseligkeit aufzuzeigen. Dieses Ziel überschreitet die Grenzen des diesseitigen Lebens und verweist auf eine tiefere Dimension menschlicher Existenz. Religion erfüllt damit nicht nur eine moralische oder gesellschaftliche Funktion, sondern bietet eine übergeordnete Perspektive, die das menschliche Dasein in einen größeren, überzeitlichen Sinnzusammenhang stellt.

3. Schluss

Religion begleitet die Menschheit seit ihren Anfängen und hat stets eine zentrale Rolle bei der Sinn- und Zielbestimmung des Menschen gespielt. Während Religion in ihrem gesellschaftlichen und moralischen Einfluss unterschiedliche Schwerpunkte setzt, zeigt sich, dass sie im Kern auf ein übergeordnetes Ziel ausgerichtet ist: die Verbindung des Menschen mit dem Göttlichen und die Erlangung der Glückseligkeit. Diese Zielsetzung geht weit über das Diesseits hinaus und bietet eine Perspektive, die über das vergängliche Leben hinausreicht.

Die Betrachtung religiöser Zielsetzungen macht deutlich, dass Religion weit mehr ist als ein rein kulturelles oder historisches Phänomen. Sie gibt dem Menschen nicht nur moralische Orientierung und emotionale Stabilität, sondern verankert ihn in einer transzendenten Wirklichkeit, die das irdische Dasein übersteigt. Besonders die Hoffnung auf ein ewiges Leben und die damit verbundene Vorstellung der Glückseligkeit sind zentrale Elemente nahezu aller Religionen und verdeutlichen den tiefen Wunsch des Menschen nach einer bleibenden, unvergänglichen Erfüllung.

Somit bleibt festzuhalten, dass Religion dem menschlichen Leben eine sinnstiftende Richtung vorgibt, die über individuelle, gesellschaftliche und materielle Aspekte hinausgeht. Sie beantwortet existenzielle Fragen, bietet Hoffnung und eröffnet eine Dimension des Lebens, die über das bloß Diesseitige hinausweist. Das Ziel der Religion ist es daher nicht nur, das menschliche Handeln im Hier und Jetzt zu lenken, sondern den Menschen auf eine tiefere, letztlich göttliche Bestimmung auszurichten.

4. Bibliographie

Al-Thani, Hessa. „Religion and Spiritual Well-Being: A Qualitative Exploration of Perspectives of Higher Education Faculty in Qatar and Its Challenge to Western Well-Being Paradigms“. Frontiers in Psychology 16 (April 2025): 1549863. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2025.1549863.

Chukwuemerie, Joseph. „Heaven, Hell, and Reincarnation“. Crowther Journal of Arts and Humanities, 1, Nr. 2 (2024).

Eisler, Rudolf. Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Vol. 3 (Sci-Z). Berlin, 1910.

Fagan, Patrick. „Why Religion Matters: The Impact of Religious Practice on Social Stability“. The Heritage Foundation, 25. Januar 1996, 1–30.

Koenig, Harold G. „Religion, Spirituality, and Health: The Research and Clinical Implications“. ISRN Psychiatry 2012 (Dezember 2012): 1–33. https://doi.org/10.5402/2012/278730.

McKay, Ryan, und Harvey Whitehouse. „Religion and Morality“. Psychological Bulletin 141, Nr. 2 (2015): 447–73. https://doi.org/10.1037/a0038455.

Nursi, Said. Worte. Aus dem Risale-i Nur Gesamtwerk. Verein für Familien- und Jugendarbeit in Europa, 2007.

Pawlewicz, Katarzyna, und Adam Senetra. „Religious Involvement in the Context of Public Moral Standards and Sustainable Social Development – A Case Study of Polish Voivodeships“. Socio-Economic Planning Sciences 95 (Oktober 2024): 1–16. https://doi.org/10.1016/j.seps.2024.102016.

Regenbogen, Arnim, und Uwe Meyer. Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Hamburg, 2013.

Van Ness, Peter H. „Endangered Bliss: Reflections on Joy and Religion“. Journal of Religion and Health 35, Nr. 3 (1996): 215–24. https://doi.org/10.1007/BF02354951.


  1. Siehe und vergleiche Regenbogen und Meyer, Wörterbuch der philosophischen Begriffe, 916. ↩︎
  2. Siehe und vergleiche Eisler, Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Vol. 3 (Sci-Z), 1912. ↩︎
  3. Siehe und vergleiche Eisler, Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Vol. 3 (Sci-Z), 1912. ↩︎
  4. Siehe für eine ausführliche Herleitung Fagan, „Why Religion Matters“; McKay und Whitehouse, „Religion and Morality“; Pawlewicz und Senetra, „Religious Involvement in the Context of Public Moral Standards and Sustainable Social Development – A Case Study of Polish Voivodeships“. ↩︎
  5. Siehe Al-Thani, „Religion and Spiritual Well-Being“, 1–4; Koenig, „Religion, Spirituality, and Health“, 3–7. ↩︎
  6. Siehe Nursi, Worte, 542. ↩︎
  7. Regenbogen und Meyer, Wörterbuch der philosophischen Begriffe, 818–19. ↩︎
  8. Siehe Van Ness, „Endangered Bliss“, 218; Chukwuemerie, „Heaven, Hell, and Reincarnation“, 93–94. ↩︎