Einleitung
Die Liebe zu Allāh ist das zentrale Motiv der islāmischen Religion und insbesondere der islāmischen Mystik, des Sufismus. Sie wird nicht nur als eine innere Zuneigung oder emotionale Verbundenheit verstanden, sondern auch als eine existenzielle Kraft, die den Menschen verwandelt und ihn zur göttlichen Wahrheit führt. Die Sufis betrachten diese Liebe als das höchste Ziel der spirituellen Reise – eine Suche nach Einheit mit Allāh, die den Menschen aus seinem begrenzten Selbst befreit. Diese tiefe Liebe wurde von großen Mystikern wie Ibn ʿArabī (1240 n. Chr. | 638 n. H.), Rūmī (1273 n. Chr. | 672 n. H.), Ḥāfiẓ (1390 n. Chr. | 792 n. H.) und Manṣūr al-Ḥallāǧ (922 n. Chr. | 309 n. H.) besungen und philosophisch reflektiert. Auch zeitgenössische islāmische Denker betonen die Bedeutung der göttlichen Liebe in einer Welt, die zunehmend von spiritueller Leere geprägt ist.
Hauptteil
Die islāmischen Mystiker lehren, dass die Liebe nicht etwas ist, das dem Menschen allein gehört, sondern dass sie eine essentielle Eigenschaft Allāhs selbst ist. Allāh ist der Ursprung und das Ziel aller Liebe. Ibn ʿArabī beschreibt in seinem Werk Fuṣūṣ al-ḥikam, dass Allāh die Welt aus Liebe erschaffen habe. Seine berühmte Aussage: „Ich war ein verborgener Schatz und wollte erkannt werden. Also erschuf Ich die Welt, damit Ich erkannt werde.1“ verweist auf den Kern des Schöpfungsaktes, der die Liebe Allāhs ist. Allāh wollte sich in der Vielfalt der Geschöpfe manifestieren, und die Liebe ist das Band, das alles Existierende mit Ihm verbindet. Die mystische Reise besteht somit darin, diese ursprüngliche Einheit wiederzuentdecken.
Die Reise der göttlichen Liebe verläuft in Stufen, die den Suchenden durch verschiedene Phasen der Läuterung führen. Ǧalāl ad-Dīn Rūmī, der berühmte persische Sufi-Dichter, beschreibt diesen Prozess in seinem Mathnawi, einem der einflussreichsten Werke der islāmischen Mystik. Rūmī nutzt oft die Metapher des Feuers oder des Wassers, um die Liebe zu beschreiben: „Die Liebe ist ein Ozean, in dem der Verstand ertrinkt.2“ Dies bedeutet, dass wahre göttliche Liebe nicht mit dem begrenzten menschlichen Verstand erfasst werden kann. Sie ist eine Erfahrung, die über den Intellekt hinausgeht und nur durch völlige Hingabe erfahrbar ist.
Einer der berühmtesten islāmischen Theologen, al-Ġazālī (gest. 1111 n. Chr. | 505 n. H.), beschreibt in seiner Autobiographie, dass er seine innere Ruhe erst in der Verbindung mit dem Schöpfer gefunden wurde.3 Lange zuvor hatte er sich ergiebig mit der Philosophie und den rationalen Wissenschaften beschäftigt. Seine Aussage, dass Honig nicht beschrieben, sondern geschmeckt werden muss, beschreibt eindrücklich die Grenzen der Erfahrung des Geliebten.4
Ein besonders radikales Beispiel für die Liebe zu Allāh findet sich in den Lehren von Manṣūr al-Ḥallāǧ.5 Ein besonders bekanntes Beispiel für die außerordentliche Liebe zu Allāh findet sich in den Lehren von Rābiʿa al-ʿAdawiyya (801 n. Chr. | 185 n. H.) oder bei al-Ḥallāǧ (922 n. Chr. | 309 n. H.). Letzterer beispielsweise sprach in höchster Metaphorik über seine Gottesliebe. Er verkündete in einem ekstatischen Zustand die Worte: „Ana al-Haqq“ (Ich bin die Wahrheit).6 In der Sufi-Tradition wird seine Aussage als ein Ausdruck der vollkommenen Auflösung seines Selbst in Allāh verstanden. Al-Ḥallāǧ Liebe war so vollkommen, dass er keine Trennung mehr zwischen sich und Allāh sah. Dieser Zustand wird in der Mystik als fanāʾ (Auslöschung des Selbst) bezeichnet. Der Sufi verliert sich so sehr in der göttlichen Liebe, dass sein Ego verschwindet.
In der heutigen Welt suchen viele Menschen nach Spiritualität und Sinn, da moderne Gesellschaften oft durch Materialismus und Oberflächlichkeit geprägt sind. Hier kann die islāmische Mystik neue Wege aufzeigen. Seyyed Hossein Nasr, einer der führenden zeitgenössischen Intellektuellen des Islām, betont, dass der Sufismus eine Antwort auf die spirituelle Krise der Moderne ist.7 Er argumentiert, dass der Mensch ohne die Verbindung zu Allāh in eine innere Leere fällt.8 Auch westliche Suchende wenden sich zunehmend dem Sufismus zu. Viele von ihnen fühlen sich von der Poesie Rūmīs oder Ḥāfiẓ angesprochen, weil sie eine universelle Botschaft der Liebe vermittelt. Besonders in den USA und Europa gibt es eine wachsende Bewegung von Menschen, die sich mit der Lehre der Sufi-Meister befassen.9 Doch viele zeitgenössische Sufi-Gelehrte warnen auch davor, dass der Sufismus nicht von seinen islāmischen Wurzeln getrennt werden darf. Manche modernen Interpretationen in der Moderne und vor allem in der westlichen Welt reduzieren den Sufismus auf eine esoterische Philosophie oder eine einfache Meditationspraxis, ohne die eigentliche spirituelle Disziplin zu beachten. Authentische Sufi-Meister – wie die Vertreter der Shadiliyya- oder Naqshbandiyya-Orden – betonen, dass wahre Mystik mit der Einhaltung der islāmischen Normen verbunden ist.
Ein zentrales Problem der modernen Spiritualität ist die Oberflächlichkeit und die Instrumentalisierung der Spiritualität. Viele Menschen nehmen einzelne Aspekte der Mystik auf, ohne die zugrunde liegenden Grundlagen zu akzeptieren.10 Doch in der traditionellen Sufi-Lehre sind die äußeren und inneren Dimensionen untrennbar miteinander verwoben. Die islāmische Normenlehre ist nicht nur eine Sammlung von Vorschriften, die befolgt werden, sondern sie sollte mit spirituellen Entwicklungen einhergehen. Der Sufismus geht zurück auf die Quellen des Islām – Qurʾān und Sunna. Die großen Sufi-Meister haben betont, dass der äußere Ritus (Gebet, Fasten, ethisches Verhalten) die Grundlage für das innere Wachstum bildet.11 Der Sufismus ohne die islāmische Praxis verliert seine Authentizität und wird zu einer bloßen Idee ohne transformierende Kraft. In der modernen Welt, in der viele Menschen auf der Suche nach Sinn sind, kann die Wiederbelebung authentischer Sufi-Praxen eine Antwort auf die spirituelle Krise sein. Die Lehren von Ibn ʿArabī, Ǧalāl ad-Dīn Rūmī und Ḥāfiẓ sollten nicht nur als schöne Poesie betrachtet werden – sie sind ein Aufruf zur inneren Verwandlung des Menschen, um in letzter Instanz als ideale Menschen in der Welt zu wandeln.
Schluss
Die Liebe zu Allāh ist das Herzstück der islāmischen Religion. Sie ist die Kraft, die den Menschen antreibt, sich selbst zu überwinden und sich dem Göttlichen hinzugeben. Ob in den Qurʾānversen, den leidenschaftlichen Gedichten Rūmīs, den metaphysischen Reflexionen Ibn ʿArabīs, den ekstatischen Aussagen al-Ḥallāǧ – die Sufis lehren, dass wahre Liebe die Grenzen zwischen dem Geschaffenen und dem Schöpfer auflöst.
In einer Welt, die oft von äußerlichen Sorgen beherrscht wird, erinnert uns der Sufismus daran, dass die tiefste Sehnsucht des Herzens letztlich immer die Liebe zu Allāh ist. Der moderne Mensch muss diesen Weg neu entdecken, um seinem inneren Vakuum zu entkommen und den göttlichen Sinn seines Daseins zu erkennen.
Literaturverzeichnis
Al-Ghazālī, Abū Ḥāmid Muḥammad (1987): Der Erretter aus dem Irrtum (al-Munqidh min ad-dalāl). Übers. und hrsg. von Abd-Elsamad Abd-Elhamid Elschazli. Hamburg: Felix Meiner Verlag.
BBC Culture (2025): „America’s Best-Selling Poet“. Online-Artikel. Verfügbar unter: https://www.bbc.com/culture/article/20140414-americas-best-selling-poet (letzter Zugriff: 03.07.2025).
Chittick, William C. (1998): The Self-Disclosure of God: Principles of Ibn al-‘Arabi’s Cosmology. Albany, NY: State University of New York Press.
Chittick, William C. (1989): The Sufi Path of Knowledge: Ibn al-‘Arabi’s Metaphysics of Imagination. Albany, NY: State University of New York Press.
Nasr, Seyyed Hossein (2000): Ideals and Realities of Islam. New York: HarperCollins.
Nasr, Seyyed Hossein (1987): Traditional Islam in the Modern World. London/New York: Kegan Paul International.
Rumi, Dschelaleddin Muhammad Balkhi (1925): The Mathnawi of Jalaluddin Rumi, Bd. 1. Übers. von Reynold A. Nicholson. London: Luzac & Co. (etwa Vers 1600 ff.).
Schimmel, Annemarie (2018): Sufismus. Eine Einführung in die islamische Mystik. München: C.H. Beck.
- Chittick, William C. (1998): The Self-Disclosure of God: Principles of Ibn al-‘Arabi’s Cosmology. Albany, NY: State University of New York Press; Chittick, William C. (1989): The Sufi Path of Knowledge: Ibn al-‘Arabi’s Metaphysics of Imagination. Albany, NY: State University of New York Press. ↩︎
- Rumi, Dschelaleddin Muhammad Balkhi (1925): The Mathnawi of Jalaluddin Rumi, Bd. 1. Übers. von Reynold A. Nicholson. London: Luzac & Co. (etwa Vers 1600 ff.). ↩︎
- Al-Ghazālī, Abū Ḥāmid Muḥammad (1987): Der Erretter aus dem Irrtum (al-Munqidh min ad-dalāl). Übers. und hrsg. von Abd-Elsamad Abd-Elhamid Elschazli. Hamburg: Felix Meiner Verlag. ↩︎
- Ebd. ↩︎
- Schimmel, Annemarie (2018): Sufismus. Eine Einführung in die islamische Mystik. München: C.H. Beck. ↩︎
- Ebd. ↩︎
- Nasr, Seyyed Hossein (1987): Traditional Islam in the Modern World. London/New York: Kegan Paul International. ↩︎
- Ebd. ↩︎
- BBC Culture (2025): „America’s Best-Selling Poet“. Online-Artikel. Verfügbar unter: https://www.bbc.com/culture/article/20140414-americas-best-selling-poet (letzter Zugriff: 03.07.2025). ↩︎
- Nasr, Seyyed Hossein (2000): Ideals and Realities of Islam. New York: HarperCollins. ↩︎
- Nasr, Seyyed Hossein (1987): Traditional Islam in the Modern World. London/New York: Kegan Paul International. ↩︎