1. Einleitung – Naturkrise
Die Umweltkrise, mit der die Welt heute konfrontiert ist, wird nicht nur als ein Problem der Natur oder der Politik gesehen. Viele erkennen inzwischen, dass sie auch mit der Lebensweise, den Werten und der inneren Haltung der Menschen zu tun hat.
Im Umgang mit der Umweltkrise werden neben Technik und Gesetzen auch Veränderungen im Alltag der Menschen immer wichtiger. Überlegungen, wie der Konsum so gestaltet werden kann, dass die Umwelt weniger Schaden erfährt, werden zunehmend Teil gesellschaftlicher Debatten und finden Eingang in Alltagsentscheidungen. Manche entscheiden sich dafür, einfacher zu leben, weniger zu konsumieren und beim Einkaufen bewusster zu handeln – etwa nach den Ideen des Minimalismus.1 Andere setzen sich für neue Wirtschaftsmodelle ein, bei denen nicht der Gewinn im Mittelpunkt steht, sondern das Wohl von Mensch, Natur und Gemeinschaft.2 Diese Ansätze spiegeln ein wachsendes Bewusstsein wider, dass ökologische und soziale Verantwortung untrennbar mit der eigenen Lebensweise verbunden ist. Es geht um ein Umdenken, das sowohl äußere Veränderungen anstrebt als auch eine neue innere Haltung gegenüber der Natur, den Mitmenschen und dem eigenen Konsumverhalten fördert.
Besonders in wohlhabenden Ländern zeigt sich dieses Denken in einem starken Verbrauch von Rohstoffen, der zur Zerstörung von Umwelt und Klima beiträgt.3 Vor diesem Hintergrund wird die Frage wichtig, ob Religionen – in diesem Beispiel vor allem der Islām – einen anderen Zugang zur Natur bieten. Dieser Beitrag möchte zeigen, wie Spiritualität und Umwelt im Islām miteinander verbunden sind und welche Werte im Islām helfen können, verantwortungsvoll mit der Natur umzugehen.
1.1 Begriffserklärung
Wenn von Spiritualität gesprochen wird, ist die innere Ausrichtung des Menschen auf eine höhere Wirklichkeit gemeint, die über das rein Sichtbare hinausgeht. Der Begriff leitet sich vom lateinischen spiritus ab, was „Atem“, „Lufthauch“ oder „Geist“ bedeutet4 und verweist auf das, was Leben, Bewusstsein und Sinn durchdringt. Spirituell zu leben bedeutet, in Gedanken, Handlungen und Haltungen bewusst zu erkennen, dass hinter der sichtbaren Welt eine geistige Wirklichkeit steht.5 Diese Suche nach Sinn zeigt sich sowohl individuell als auch in religiösen Traditionen. Besonders im Islām verbindet sich diese spirituelle Haltung mit einer besonderen Sicht auf die Natur. Spiritualität entsteht oft an den Grenzen des Verstehbaren. Dort, wo Wissenschaft keine zufriedenstellenden Antworten liefert oder nicht überzeugen kann, gewinnt die persönliche Suche an Bedeutung. Diese Suche bleibt dann spirituell.6
2. Hauptteil – Die islāmische Umweltethik
Der Islām vereint zwei Seiten: einerseits klare Regeln für das tägliche Leben, andererseits eine Spiritualität, die den Glauben mit innerer Achtsamkeit und Sinnsuche verbindet. Diese spirituelle Haltung führt zu einer besonderen Haltung gegenüber der Natur, weil sie nicht nur eine Lebensgrundlage für das Leben ist. Die Natur wird als Zeichen Allāhs gesehen. In allem, was lebt und wächst, in den Abläufen der Natur, in der Schönheit der Welt erkennen gläubige Menschen Hinweise auf den Schöpfer.
Wer die Natur aufmerksam betrachtet, findet eine schöpferische und künstlerische Handlung hinter ihr, wie durch einen Schleier verborgen. Sie lädt dazu ein, still zu werden, nachzudenken, dankbar zu sein. Spirituell zu leben bedeutet im Islām also auch, mit der Umwelt achtsam umzugehen, sie zu schützen, zu pflegen und sie nicht achtlos auszubeuten. Denn die Natur ist Teil der Schöpfung und damit Teil der Verantwortung, die der Mensch vor Allāh trägt. Sie ist Allāhs Kunstwerk, Sein Gasthaus7 und Sein Geschenk. Je nach der persönlichen religiösen Einstellung ist der Umgang mit der Umwelt dementsprechend.8
Diese Wertschätzung der Natur führt zu einem besonderen Verantwortungsbewusstsein. Statt als Herrscher über die Schöpfung zu agieren, wird der Mensch im Islām als Treuhänder, als eine Art Beobachter und Verwalter (ḫilāfa) der Schöpfung Allāhs verstanden. Der Schutz der Umwelt, die Pflege von Tieren und Pflanzen sowie der verantwortungsvolle Umgang mit natürlichen Ressourcen sind somit keine freiwilligen Zusatzaufgaben, sondern feste Bestandteile der religiösen Pflicht.
Aus dieser Sichtweise folgt, dass die Umwelt durch die islāmischen Bestimmungen beschützt wird und als ein wesentlicher Teil eines verantwortungsvollen Lebens betrachtet wird. Ein solches Leben steht im Einklang mit dem göttlichen Willen, da es nicht nur das eigene Wohlergehen, sondern auch das der gesamten Schöpfung im Blick hat.9
Aus qurʾānischer Sicht wird die Natur (ṭabīʿa) nicht als eigenständig handelndes Wesen oder Ursache beschrieben, sondern als ein Spiegel göttlicher Ordnung, als Ausdruck göttlicher Gesetze (šarīʿat-i fiṭrīya) und als Kunstwerk der Macht Allāhs. Die Natur ist keine Schöpferin, sondern Geschaffenes, keine Künstlerin, sondern ein Kunstwerk Allāhs. Sie ist das Werk, das aus den Taten Allāhs (ʿādāt Allāh) entstand.10 Weder über eine eigene Kraft (ḥaul) noch über eine eigene Wirksamkeit (quwwa) verfügt sie.11
Diese Sichtweise öffnet den Blick für den Wert der Natur. Statt sie lediglich als blinde, selbständige Kraft zu verstehen, an der der Mensch sich vergreifen „darf“, lädt der Qurʾān die Menschheit dazu ein, die Natur als Zeichen einer höheren Ordnung zu betrachten. In diesem Verständnis wird die Natur zu einem Ausdruck einer schöpferischen Intelligenz, deren Spuren in jedem Blatt, jeder Wolke und jeder Bewegung in der Schöpfung sichtbar werden.12
Die Spiritualität, die Ordnung und die Harmonie der Natur zeugt von göttlicher Einheit (tauḥīd), Schönheit und Kunst. Das heißt, dass die Natur in all ihrer Ordnung, Schönheit und Vielfalt die Eigenschaften und Namen Allāh beschreibt. So lädt die Natur die Menschheit dazu ein, sich in dieses göttliche Ökosystem einzureihen und sowohl aus materieller Sicht als auch aus spiritueller Sicht einen Nutzen zu haben. Der Mensch, der mehr als nur Fleisch über Gebein ist, hat seine geistigen, spirituellen und seelischen Aspekte, die ihn ausmachen. All dies findet er in der Umwelt, in freier Natur, wieder. Die Natur spricht ihn an. Der Schöpfer macht sich durch Sein Kunstwerk bekannt. Indem der Mensch in der Natur Spuren des Schöpfers erkennt, wird sie für ihn nicht nur zu einem Ort der Versorgung, sondern auch zu einem Raum spiritueller Erkenntnis.
Diese Verbindung zwischen spirituellem Erleben und äußerer Welt macht deutlich, dass die Natur im Islām nicht nur als Kulisse des Lebens gilt, sondern als lebendiger Ausdruck göttlicher Gegenwart. Wer achtsam mit ihr umgeht, schützt nicht nur Pflanzen, Tiere und Ressourcen, sondern auch sich selbst – seine Seele, sein Herz und seinen Glauben. Denn der Umgang mit der Schöpfung ist immer auch ein Spiegel des eigenen inneren Zustands.
3. Schlusswort – Ein neuer Blick auf die Schöpfung
Es gibt eine Verbindung zwischen der Spiritualität und der Umwelt, die im Islām klar gezeigt wird. Die Natur ist nicht bloß Kulisse menschlichen Lebens, sondern ein sinnvolles Ganzes, das durch göttliche Ordnung durchdrungen ist. Wer die Natur in diesem Licht betrachtet, erkennt in ihr nicht nur etwas Nützliches, sondern Allāhs Kunst. Sie wird zum Kunstwerk des Schöpfers, zum sichtbaren Ausdruck göttlicher Weisheit, Schönheit und Einheit.
Gerade in einer Zeit, in der die Umwelt überall auf der Welt bedroht ist, kann ein spiritueller Blick auf die Natur neue Wege zeigen. Davon können nicht nur religiöse Menschen profitieren, sondern alle, die in der Natur mehr sehen als nur etwas, das man nutzt oder verbraucht. Die islāmische Umweltethik bietet Perspektiven, die den Menschen als Teil eines großen Ganzen verstehen. Die Natur und der Mensch, Spiritualität und Umwelt gehören zusammen. Das eine darf das andere nicht auslöschen. Der Blick in die islāmische Tradition zeigt damit nicht nur eine spirituelle Alternative zum herrschenden Naturverständnis, sondern öffnet zugleich einen Weg in eine Zukunft, in der Glaube, Wissen und Naturverbundenheit nicht im Widerspruch zueinander stehen, sondern sich gegenseitig ergänzen und bereichern.
Die islāmische Sichtweise zeigt, dass es auch andere Wege gibt, über die Natur nachzudenken, mit ihr bewusst umzugehen und sich selbst als spirituelle Person mit der Natur verbunden anzunehmen. So wie Sich der Schöpfer der Umwelt im Kleinen wie im Großen, in der Ordnung der Sterne wie im Wachstum einer Pflanze zeigt, ist auch der Mensch eingeladen, diese Zeichen wahrzunehmen und in Beziehung zu treten. Die islāmische Sichtweise ermutigt dazu, sich nicht über die Natur zu stellen, das Ökosystem zu stören, sondern sich als Teil eines harmonischen Ganzen zu begreifen. Wer so lebt, sieht in der Umwelt nicht nur etwas Äußeres, sondern einen Raum, in dem Glaube, Achtsamkeit und Verantwortung zusammenkommen. Dies alles ist Spiritualität. In dieser Haltung kann der Mensch sowohl inneren Frieden finden als auch einen achtsamen Beitrag zum Schutz der Schöpfung leisten, da er ein Teil von ihr ist.
4. Bibliographie
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Dutton, Yasin. „The Concept of Environment in Islam“. In The Concept of Environment in Judaism, Christianity and Islam, herausgegeben von Christoph Böttigheimer und Wenzel Maximilian Widenka. De Gruyter, 2023. https://doi.org/10.1515/9783110782455.
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https://deutsches-ehrenamt.de/. „Gemeinwohl-Ökonomie: Definition, Vor- und Nachteile“. Zugegriffen 8. April 2025. https://deutsches-ehrenamt.de/vereinsgruendung-vereinsarten/ggmbh-gug-stiftung/gemeinwohl-oekonomie/.
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Nursi, Said. Worte. Aus dem Risale-i Nur Gesamtwerk. Verein für Familien- und Jugendarbeit in Europa, 2007.
Regenbogen, Arnim, und Uwe Meyer. Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Hamburg, 2013.
„Rich Countries Use Six Times More Resources, Generate 10 Times the Climate Impacts than Low-Income Ones“. 3. Januar 2024. https://www.unep.org/news-and-stories/press-release/rich-countries-use-six-times-more-resources-generate-10-times.
Steffen, Adrienne, Yasemin Bozdemir, und Susanne Doppler. Konsumverzicht, Minimalismus und well-being. o. J.
Yükselis, Serkan. Briefe aus Barla. Version 8.3.3. Released 2023. Android. https://play.google.com/store/apps/details?id=com.yukselis.okuma.
- Siehe Steffen u. a., Konsumverzicht, Minimalismus und well-being. ↩︎
- Siehe https://deutsches-ehrenamt.de/, „Gemeinwohl-Ökonomie“. ↩︎
- Siehe „Rich Countries Use Six Times More Resources, Generate 10 Times the Climate Impacts than Low-Income Ones“. Laut dem Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) verbrauchen Einwohner von Hochlohnländern durchschnittlich sechsmal mehr Ressourcen und verursachen zehnmal mehr klimatische Auswirkungen als diejenigen in Niedriglohnländern. ; Für mehr Informationen siehe ebenfalls Amer u. a., „The Impact of Natural Resources on Environmental Degradation“. ↩︎
- Siehe Regenbogen und Meyer, Wörterbuch der philosophischen Begriffe, 759; Eisler, Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Vol. 3 (Sci-Z), 1410–11. ↩︎
- Siehe Hehl, Spiritualität kontrovers, 18. ↩︎
- Siehe Hehl, Spiritualität kontrovers, 27. ↩︎
- Siehe Nursi, Worte, 81, 129, 197, 216, 277, 300, 361, 460, 468, 1147, 1154, 1164. ↩︎
- Siehe Dutton, „The Concept of Environment in Islam“, 135–42. ↩︎
- Siehe Fathil u. a., „Islam and Environment“, 96–99. ↩︎
- Siehe Nursi, Said, Harmonie des Lichts, 425. ↩︎
- Siehe Nursi, Said, Harmonie des Lichts, 428–429. ↩︎
- Siehe Yükselis, Risale-i Nur Okuma Programı, 221; Siehe Nursi, Said, Ein Zeichen des Wunders, 177. ↩︎