Kunst und Ästhetik

Kunst als eigene Sprache

Traditionelle und religiöse Kunst standen im europäischen Kontext bis in die frühe Neuzeit noch in einer Ausdrucksmöglichkeit des Religiösen. In der orientalischen Tradition reicht dieser Religionsbezug der Kunst fragmentarisch noch bis in die Gegenwart.

Der westliche Einfluss hat dabei neue innovative Elemente hineingebracht, aber auch maßgeblich zur Zerstörung der Kunsttradition und Ästhetik dieser nicht-westlichen Kulturen (als Kurzform für >europäisch< und >nordamerikanisch<) beigetragen. Dies ist beispielsweise in der islamischen, hinduistischen und buddhistischen Welt zu beobachten. Besonders im Kontext der Kolonialisierung lässt sich eine eurozentrische Kunstdeutung und Kunstschöpfung fern der Tradition der orientalischen Künste feststellen. Westliche Kunst mit einem ikonographischen Schwerpunkt versucht in dieser Zeit die orientalische Welt zu erfassen. Die Künste der orientalischen Welt wurden erst recht spät als eigenständige Kunstrichtungen mit eigener Sprache und Sinn von der westlichen Welt akzeptiert. In der Kunstgeschichte wird jedoch die islamische Kunst als ein historisches Phänomen betrachtet, ohne Bezüge zur islamischen Religion herzustellen. 

“Die islamische Kunst und Ästhetik ist die Manifestation der inneren Dimension der islamischen Offenbarung.”

“Nach islamischer Auffassung ist nach einer Überlieferung die gesamte Erde eine Moschee. Dies verleiht der gesamten Natur eine herausragende heilige Bedeutung.”

Ganz im Gegenteil ist jedoch die islamische Kunst und Ästhetik die Manifestation der inneren Dimension der islamischen Offenbarung. Nach Platon ist die Schönheit der Glanz der Wahrheit. Der Prophet Muḥammad ﷺ (mit dem der Frieden und Segen sei) verkündet ebenfalls in mehreren Überlieferungen die Bedeutung und Verbindung zwischen der Schönheit, der Wahrheit und der Spiritualität. In einer bekannten Überlieferung heißt es, dass Allāh schön ist und Er das Schöne liebt. So sind vor allem mehrere zentrale Kunstarten wie Kalligraphie, Architektur, Rezitationskunst, Miniaturen, Knüpfteppiche, Gartenkunst, Ornament und Symboliken entstanden, die sich in der islamischen Geschichte nach Region in persisch-iranische-, osmanische-, seldjukische-, andalusische Kunst usw. unterscheiden.

Kalligraphie als das Heilige

Die Kalligraphie gilt als die höchste Form der Kunst. Dies ist eng mit dem Qurʾān zu denken. Denn nach islamischer Auffassung ist der Qurʾān Allāhs Wort. Inspiriert durch den Qurʾān wird nicht das Bild, sondern das Wort und somit die Schrift zur göttlichsten Ausdrucksmöglichkeit der islamischen Kunst. Die Kunstsprache der islamischen Geschichte geht zudem stets von universellen und abstrakten Konzepten aus, die sich mit Einheit (tauḥīd), Unendlichkeit, Schönheit, Leere, Einfachheit, Wahrheit, Gerechtigkeit usw. tief auf die Offenbarungsquellen beziehen.

Anders als die ikonografisch geprägte Kunst des Westens ist die islamische Kunst vor allem durch Kalligraphie und Symbolik bestimmt. Ohne Kenntnis dieser Sprache ist es äußerst schwierig, die Qualität der Schönheit in Kunst und Ästhetik in den sichtbaren Werken muslimischer Künstlerinnen und Künstler zu erkennen. Die Naturwissenschaften – vor allem die Geometrie – sind integraler Bestandteil der Kunst und Architektur in der islamischen Welt gewesen. Die Ornamente und Muster in den unterschiedlichen Bauten, wie bei der Alhambra oder der Shah-Moschee in Isfahan, verkörpern anhand von einfachen Mustern die Einheit des Schöpfers (tauḥīd) und verdeutlichen mit der Vervielfältigung ins Unendliche die Urewigkeit Allāhs. Diese symbolische Kunst dient als Brücke zwischen der materiellen und der immateriellen Welt. 

Eine weitere zentrale Bedeutung kommt der Natur zu, die im Zusammenspiel mit der Architektur geplant und umgesetzt wurde. Nach islamischer Auffassung ist nach einer Überlieferung die gesamte Erde eine Moschee. Dies verleiht der gesamten Natur eine herausragende heilige Bedeutung. Das Zentrum Hikma versteht islamische Kunst nicht nur als historisches Phänomen, sondern als lebendige Ausdrucksform eines spirituell verankerten Weltverständnisses. Indem hikma diese Kunsttradition erschließt, will es Räume schaffen, in denen sich religiöse Tiefe, kulturelle Bildung und ästhetisches Empfinden verbinden – als Beitrag zur kulturellen Vielfalt, gesellschaftlichen Integration und geistigen Erneuerung in der deutschen Gegenwartsgesellschaft.

Beiträge

Von der Einheit zur Vielfalt

Die Sprache der Transzendenz: Wesen und Prinzipien der islāmischen Kunst

Kunst als Ausdruck der inneren Dimension