Die sogenannte positivistische Wende hat dabei nicht nur die Inhalte verändert, sondern auch die Kriterien, nach denen Erkenntnis überhaupt beurteilt wird. Die Frage nach dem Sinn, dem Guten, dem Schönen – einst zentrale Anliegen von Philosophie und Theologie – wurde vielfach durch messbare, quantifizierbare Größen ersetzt.
Diese Entwicklung hat zweifellos Vorteile gebracht: Fortschritte in Technik, Medizin und Kommunikation wären ohne empirisch fundierte Forschung kaum denkbar. Gleichzeitig aber hat die Konzentration auf das Faktische und Funktionale dazu geführt, dass übergeordnete, normative oder existenzielle Fragen – wie sie etwa von Aristoteles, Augustinus, Ibn Sīnā (Avicenna), Al-Ġazālī oder Kant behandelt wurden – an den Rand gedrängt wurden. Die moderne Wissenschaft beschreibt “wie die Welt ist”, nicht aber, “wie sie sein soll”. Deshalb sollten orientierungsstiftende Disziplinen wie Philosophie und Theologie wieder stärker in den Fokus rücken.
“Die moderne Wissenschaft beschreibt ‚wie die Welt ist‘, nicht aber, ‚wie sie sein soll‘.”
“Der islamischen Theologie gelang es früh, eine säkulare Sprache in den Wissenschaften, der Philosophie und in der rationalen Theologie zu etablieren.”
Komplementarität statt Trennung
Historisch betrachtet war das Verhältnis zwischen Wissenschaft, Philosophie und Theologie enger verwoben. In der islamischen Gelehrsamkeit etwa waren die Disziplinen nicht voneinander getrennt: Philosophen wie Al-Fārābī, Ibn Sīnā (Avicenna) oder Ibn Rušd (Averroes) verbanden metaphysische Reflexion mit Logik, Ethik und Naturlehre – stets im Horizont einer übergeordneten Wirklichkeit. Auch die islamische Theologie (kalām) war nie rein spekulativ, sondern stets auf Erkenntnistheorie und kosmologische Ordnungen des damaligen Wissenschaftsparadigmas bezogen. Die Verbindung von Vernunft (ʿaql) und Offenbarung (naql) galt als produktives und komplementäres Diskursfeld. Die islamische Theologie wird von der Mehrheit der Gelehrsamkeit als eine intersubjektiv erkennbare Religion verstanden, woraus der Anspruch der rationalen Erschließbarkeit der Glaubenssäulen und der Herleitung der islamischen Theologie resultiert. Der islamischen Theologie gelang es früh, eine säkulare Sprache in den Wissenschaften, der Philosophie und in der rationalen Theologie zu etablieren.
Die moderne Ausklammerung transzendenter Dimensionen zugunsten methodischer Nachvollziehbarkeit kann daher als Verkürzung verstanden werden. Zwar ermöglicht sie präzise Forschung, doch sie lässt zentrale Sinnfragen unbeantwortet. Hier bietet sich die Gelegenheit für religiöse und philosophische Traditionen – insbesondere die islamische – eine neue Gesprächsgrundlage zu schaffen. Ohne einen ethischen und metaphysischen Rahmen bleibt Wissen zweckungebunden und somit manipulierbar. Die Rückbindung an überzeitliche Prinzipien könnte hier eine notwendige Ergänzung darstellen, um Wissenschaft nicht nur funktional, sondern auch verantwortlich zu denken. Das Zentrum will Diskurssträngen, welche die Philosophie und Wissenschaft betreffen, ein besonderes Augenmerk schenken. Hierfür sollen Beiträge, Formate und Veranstaltungen geplant werden, welche insbesondere die Rolle und den Wert der islamischen Religion im Zusammenspiel mit der Philosophie, der Wissenschaften und der Theologie vermitteln und bereichern.