Spiritualität und Umwelt

Spiritualität als Ausgang des Menschen aus der Krise der Moderne

In der modernen Welt erleben wir eine tiefgreifende Entfremdung und Dehumanisierung des Menschen. Diese Krise – beschrieben von zahlreichen Denkern wie René Guénon, Max Weber, Theodor W. Adorno, Martin Heidegger, Seyyed Hossein Nasr und Charles Taylor – zeigt sich sowohl in spiritueller Verarmung, der Verkennung der Vernunft als auch in der zunehmenden Instrumentalisierung der Natur.

Spirituelle und reflexive Zugänge wurden weitgehend marginalisiert, wodurch vielen Menschen der Zugang zu sich selbst und zur Transzendenz erschwert wird. In vormodernen Gesellschaften war die Spiritualität eng mit der sichtbaren Welt verwoben. Die Moderne hingegen verdrängt das Spirituelle zugunsten von Effizienz, Fortschritt und materieller Maximierung. Der moderne Mensch ist materiell so reich wie nie zuvor und doch spirituell so arm wie nie zuvor. Trotz eines solchen sichtbaren Wohlstandes bleibt eine innere Leere zurück, die immer mehr Menschen dazu verleitet, aktiv über ihre Rolle und ihren Sinn in der Welt nachzudenken und nach spiritueller Erfüllung zu suchen. Dies führt dazu, dass viele Menschen neu über Sinn und Dasein nachdenken – nicht als Rückkehr zur Vergangenheit, sondern als bewusste Rekultivierung der Spiritualität im Heute. Die Mystik spielt dabei eine essenzielle Rolle. Verschiedene Zivilisationen haben mystische und esoterische Anschauungen und Praxen hervorgebracht, um dem menschlichen Bedürfnis nach Spiritualität gerecht zu werden.

“Der moderne Mensch ist materiell so reich wie nie zuvor und doch spirituell so arm wie nie zuvor.”

“Wahres Gottesbewusstsein zeigt sich in der Sorge für die gesamte Schöpfung.”

Die spirituelle Dimension ist durch den Qurʾān und das Vorbild des Propheten Muḥammad ﷺ (mit dem der Frieden und Segen sei) ein essenzieller Bestandteil des Islam. Sie zielt darauf ab, die dem Menschen innewohnende Fähigkeit zur Verbindung mit dem Schöpfer zur Entfaltung zu bringen. Innerhalb dieses spirituellen Rahmens hat sich in besonderer Weise der Sufismus herausgebildet, der tief in den islamischen Quellen verwurzelt ist. Aber auch in anderen religiösen Kulturen – wie in der jüdischen Kabbala, der christlichen Mystik oder im Zen-Buddhismus – zeigt sich eine vergleichbare Suche nach dem Göttlichen. Begriffe wie Fanāʾ, Nirvana, Moksha oder Wu belegen die universelle Bedeutung spiritueller Erfahrung. Noch heute wirken Dichter wie Rūmī, Ḥāfiẓ oder Saʿdī als Brücken zwischen Transzendenz und Immanenz. Spiritualität – verstanden als höchste Form des Bewusstseins – ist ein Weg, der nicht der Vernunft widerspricht, sondern den Menschen  zur Vervollkommnung und Einheit führt. In Anbetracht der Tragödien des 20. und 21. Jahrhunderts wird deutlich, wie sehr diese spirituelle Dimension und universelle menschliche Werte fehlen. Die verbreitete Annahme, Religion und Transzendenz ließen sich nicht mit dem modernen Denken vereinbaren, wird durch die islamische Geistesgeschichte eindrucksvoll widerlegt. Als einer der bedeutendsten Denker seiner Zeit verband beispielsweise Ibn Sīnā (Avicenna) höchste wissenschaftliche Disziplin mit tiefem metaphysischen Denken. Für ihn waren Vernunft und Transzendenz keine Gegensätze, sondern zwei komplementäre Zugänge zur Wahrheit. Eine solche Rückbesinnung kann heute wertvolle Impulse für Mensch und Welt geben. Das hikma Zentrum will hierzu konkrete Erfahrungsräume schaffen und durch spirituelle Praktiken, ergänzt um psychologische und neurophysiologische Einsichten, Menschen zu tieferem Bewusstsein verhelfen.

Umweltkrise als spirituelle Krise

Die Umweltkrise ist ein universelles Thema, das die gesamte Erde betrifft. Singuläre Handlungen haben kollektive Konsequenzen und betreffen vor allem auch die Zukunft der Menschheit und den Kosmos. Somit ist die Zerstörung der Umwelt zugleich auch die Zerstörung unserer selbst. Der moderne Mensch hat in seinem Streben und unerschütterlichen Glauben nach Fortschritt und Kapitalismus unverhältnismäßig zur Zerstörung der Natur beigetragen. Obwohl die Umweltproblematik seit den 1950er-Jahren bekannt ist, reagieren viele Staaten nur zögerlich. Auch die Religionen begannen erst spät, sich dieser Frage zu widmen. Seyyed Nasr etwa kritisiert, dass die Umweltethik von säkularen Akteuren dominiert sei, obwohl die islamische Religion ein ganz anderes Naturverständnis vermittelt. Im Islam besteht ein Dreiklang zwischen Qurʾān, Mensch und Natur. Die Schöpfung verweist auf einen Schöpfer – sie ist Zeichen, Spiegel und Zugang zum Transzendenten. Gelehrte wie Al-Ġazālī und Ibn ʿArabī sahen in der Natur einen lebendigen Ausdruck und die Verbindung göttlicher Einheit (tauḥīd). Der Verlust der Verbindung zur Natur spiegelt sich in vielen Facetten des Lebens wie in der urbanen Umgebung wider. Der Qurʾān betont die Gleichwertigkeit aller Lebewesen und spricht auch leblosen Dingen Bewusstsein zu. In dieser Perspektive sind Spiritualität und Umwelt untrennbar verbunden: Wahres Gottesbewusstsein zeigt sich in der Sorge für die gesamte Schöpfung. Zerstörung ist nur möglich, wenn innerer Werteverfall vorausgeht. Umgekehrt kann spiritueller Reichtum zu einem verantwortungsvollen, naturverbundenen Leben führen – im Einklang mit sich selbst, mit der Welt und dem Schöpfer.

Beiträge

Verbindung zwischen Spiritualität und Umwelt

Umwelt im Islām

Die Liebe zu Allāh – eine Betrachtung aus dem Sufismus

Spiritualität in der Moderne: Zwischen Tradition und Moderne