Zeitgeschichte

Offenbarung und Geschichte

Zeitgeschichte verstehen wir nicht nur als Fenster bis zum 20. Jahrhundert, sondern vielmehr als eine zeitlich unbestimmte Möglichkeit des Rückgriffs in die Vergangenheit, um die Gegenwart besser verstehen und erklären zu können.

Denn allzu oft sind große Ereignisse des 20. und 21. Jahrhunderts nicht nur Produkte ihrer unmittelbaren Zeit, sondern sie sind maßgeblich durch frühere Entwicklungen und Weichenstellungen geprägt, die bis in unser Geschichtsbewusstsein hineinwirken. Eine besondere Bedeutung erhalten solche historischen Rückgriffe in die Gegenwart, wenn durch historische Momente eine besondere Sinnhaftigkeit und ein Wahrheitsgehalt abgeleitet werden soll. Dies ist vor allem in den Offenbarungsreligionen der Fall, die eine besondere Nähe zu den ursprünglichen historischen Gegebenheiten herstellen wollen, um daraus Heilsmöglichkeiten zu begünstigen. So hat die islamische Religion einen ganz genuinen Bezug zur Geschichte. Zum einen liegt das an der zeitlichen Nähe zu unserer Gegenwart – stärker als dies bei den anderen großen Religionen der Fall ist – und zum anderen an der massiven Schriftkultur, die sich der Entstehungsgeschichte des Islam anschließt und die Intention Allāhs in den jeweiligen Momenten so konkret wie möglich in Sprache und Denken einzufangen pflegt.

“Die negative Wahrnehmung des Islam in der Gegenwart verhindert eine sachliche Herangehensweise und Gegenwartsreflexion der islamischen Geschichte (sine ira et studio).”

“Musliminnen und Muslime im 21. Jahrhundert können sich mit der islamischen Religion identifizieren, aber nicht mit der islamischen Geschichte.”

Die negative Wahrnehmung des Islam in der Gegenwart verhindert eine sachliche Herangehensweise und Gegenwartsreflexion der islamischen Geschichte (sine ira et studio). Dabei ließen sich aus der Vergangenheit durchaus relevante Bezugspunkte und diskursfähige Inhalte für heutige Fragestellungen gewinnen. Viele Historiker verdeutlichen, dass der Zerfall der islamischen Zivilisation mit einem Bruch zu unserer Gegenwart einherging, sodass die arabisch-islamische Geschichte keine Relevanz mehr zu haben scheint. Der Reichtum der islamischen Religion hat sich zweifelsohne aber in den Möglichkeiten der Geschichte realisiert. Ein Muslim im 21. Jahrhundert kann sich mit der islamischen Religion identifizieren, aber nicht mit der islamischen Geschichte, da diese – ähnlich wie die römische Geschichte – oft als abgeschlossen und nicht mehr lebendig wahrgenommen wird. Dies gleicht einer Seele ohne Körper. Denn die islamische Geschichte verhält sich wie der materielle Raum zur islamischen Religion. Insbesondere die Kolonialisierung und die damit einhergehende Deutung der Vergangenheit arabisch-islamischer Länder war richtungsweisend und grundsätzlich von negativer und destruktiver Deutung geprägt. Fern von eurozentrischen Geschichtsnarrationen, unkritischen Geschichtsutopien, kulturell und national geladenen Vorfahren-Geschichten sollen Interessierte Raum zur Reflexion und kritischer Auseinandersetzung mit ihrer Religion und möglichen gegenwartsrelevanten Geschichtspunkten erhalten.

Dadurch kann eine positive, mit westlichen Werten übereinstimmende historische Perspektive eröffnet und zur Diskussion gestellt werden. Dies ermöglicht eine Form primärer Prävention gegen radikale und instrumentalisierende Narrative, die sich gezielt am vermeintlichen Chaos und an den Brüchen in der islamischen Geschichte bedienen, um daraus ideologische Deutungsmuster abzuleiten. Interessierte können so durch konstruktive und sinnstiftende historische Narrative gestärkt werden. Zudem lassen sich kulturell, national oder familiär geprägte Geschichtsbilder, wie sie in Einwanderungskontexten häufig weitergegeben werden, kritisch hinterfragen und gegebenenfalls abbauen.  Damit tragen wir zur Versöhnung zwischen Orient und Okzident bei. Denn positive Ereignisse, Gepflogenheiten und Prinzipien, die sich in der islamischen Geschichte offenbaren, wie die Ambiguitätstoleranz, das Zusammenleben vieler Völker und Religionen insbesondere zwischen Juden und Muslimen wie in Andalusien oder die komplexe und positive Beziehung zwischen Orient und Okzident können positive Auseinandersetzungsmomente mit Geschichte und Gegenwart sein.

Suchbewegung der Muslime in der Moderne

Die Kalligraphie des Ahmed Kamil Akdiks spiegelt eindrucksvoll die seit dem 20. Jahrhundert verstärkte Suche vieler Muslime nach Orientierung in einer von Moderne und Umbrüchen geprägten Welt wider. Um suchenden Muslimen und Interessierten eine strukturierte, anschlussfähige und zugleich kritisch-multiperspektivische Geschichtsidentität zu vermitteln, werden Themen behandelt, die von den Anfängen des Islam bis in die Gegenwart reichen und dabei stets den Bezug zur aktuellen gesellschaftlichen Situation betonen. Unser Ziel ist es, durch Workshops, Veranstaltungen und Lesungen nicht nur Historikerinnen und Historiker, Autorinnen und Autoren vorzustellen, sondern vor allem eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu schlagen. Mit einem klar definierten Hauptanliegen streben wir ein vertieftes Verständnis und eine neue Wertschätzung der islamischen Geschichte an, die als ein wertvolles Archiv für Identität, Wissen und kulturellen Austausch dient.

Beiträge

Das verdrängte dritte Erbe Europas: Der vergessene Beitrag des Islāms zur europäischen Identität

Vorbild für die Gegenwart