Zeitgeist

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Abbas Ramadan

Theologe, Islamwissenschaftler, Doktorand

Fundamentalismus & Extremismus

1. Einleitung

Die Begriffe Fundamentalismus und Extremismus begegnen uns regelmäßig in Nachrichten, politischen Diskussionen und gesellschaftlichen Debatten. Sie klingen bedrohlich, werden oft nebeneinander verwendet, aber nur selten klar voneinander unterschieden. Was genau bedeuten sie? Wie hängen sie zusammen?

1.1 Definition: Fundamentalismus

Der Begriff Fundamentalismus entstand im 19. Jahrhundert und bezeichnete ursprünglich bestimmte Gruppen im nordamerikanischen Protestantismus. Diese vertraten die Ansicht, dass die Bibel wörtlich – also genau so, wie sie geschrieben ist – als Gottes Wort verstanden werden muss. Im 20. Jahrhundert wurde der Begriff weiter gefasst. Heute meint Fundamentalismus strenggläubige religiöse oder ideologische Richtungen, die sich fest und autoritär auf heilige Schriften oder überlieferte Traditionen berufen.1 Sie lehnen moderne Deutungen oft ab und halten an einem unveränderlichen Wahrheitsanspruch fest.2

Fundamentalistische Menschen oder Gruppen glauben, dass nur ihre Sichtweise richtig ist. Andere Meinungen werden nicht akzeptiert, manchmal sogar bekämpft. Diese Haltung kann religiös begründet sein – muss sie aber nicht. Sie kommt auch in politischen oder weltanschaulichen Bewegungen vor.

1.2. Definition: Extremismus

Das Wort extrem kommt vom lateinischen extremum und bedeutet „das Äußerste“. Es beschreibt Haltungen oder Handlungen, die besonders stark, übertrieben oder weit von der Mitte entfernt sind. In der Politik oder Gesellschaft spricht man von Extremismus, wenn Meinungen oder Verhaltensweisen so weit vom allgemeinen Konsens abweichen, dass sie nicht mehr als Teil eines demokratischen Miteinanders gelten können. Extremistisch nennt man also Einstellungen, die nicht nur radikal sind, sondern bewusst die Grenzen des gesellschaftlich Anerkannten überschreiten.3

Extremismus beschreibt Einstellungen und Handlungen, die sich gegen zentrale Werte einer Gesellschaft richten, wie etwa gegen Menschenrechte, Meinungsfreiheit oder die Gewaltenteilung.4 Ziel ist meist nicht die Verbesserung, sondern die Abschaffung des bestehenden Systems. Extremismus bezeichnet also Bestrebungen, die beispielsweise den demokratischen Staat und seine grundlegenden Werte, Regeln und Prinzipien ablehnen. Demzufolge wollen extremistische Gruppen oder Personen die bestehende Ordnung abschaffen und durch ein System ersetzen, das ihren eigenen Vorstellungen entspricht. Dabei wird Gewalt häufig als ein erlaubtes Mittel angesehen, unterstützt, gefordert oder sogar angewendet. Die extremste und gewalttätigste Form des Extremismus ist Terrorismus.5

2. Der Unterschied zwischen Fundamentalismus und Extremismus

Die Begriffe Fundamentalismus und Extremismus werden oft in einem Atemzug genannt, weil sie sich in manchen Punkten ähneln. Doch bei genauerem Hinsehen zeigen sich klare Unterschiede.

Fundamentalismus beschreibt eine Haltung, bei der Menschen fest an bestimmte Überzeugungen glauben.6 Oft ist diese Überzeugung religiöser oder ideologischer Natur. Sie halten kompromisslos an diesen Überzeugungen fest und sehen darin die einzige Wahrheit. Für Fundamentalisten ist oft entscheidend, dass heilige Schriften oder überlieferte Traditionen wörtlich genommen und genau befolgt werden. Dabei muss Fundamentalismus nicht zwangsläufig gewalttätig sein. Viele fundamentalistische Gruppen leben ihren Glauben oder ihre Überzeugung friedlich, ohne anderen zu schaden oder sie zu bekämpfen.

Extremismus geht darüber hinaus. Extremisten wollen ihre Überzeugungen nicht nur leben, sondern sie auch durchsetzen, gegebenenfalls mit Gewalt. Sie lehnen die Grundwerte einer demokratischen Gesellschaft ab. Ziel ist nicht der friedliche Dialog, sondern oft die radikale Veränderung oder Abschaffung des bestehenden Systems.

Der zentrale Unterschied liegt also im Umgang mit der eigenen Überzeugung:
Fundamentalisten glauben kompromisslos, aber sie müssen keine Gefahr für die Gesellschaft darstellen. Extremisten hingegen greifen oft aktiv das bestehende System an und schrecken dabei manchmal auch vor Gewalt nicht zurück.

Besonders deutlich wird dieser Unterschied beim religiösen Fundamentalismus. Er bedeutet nicht automatisch, dass jemand politisch aktiv wird oder andere Menschen unterdrücken will. Manche religiöse Fundamentalisten möchten lediglich innerhalb ihrer Glaubensgemeinschaft leben und ihre Sichtweise vertreten, ohne Einfluss auf Politik zu nehmen. Anders ist das beim religiösen Extremismus: Er verbindet religiöse Überzeugungen mit politischen Forderungen und will eine Gesellschaftsordnung nach religiösen Regeln errichten. Dabei wird häufig die Trennung von Religion und Staat aufgehoben und ein religiös geprägter Staat angestrebt. In solchen Modellen würden Menschen mit anderer Religion oder ohne Glauben in ihrer Freiheit eingeschränkt oder rechtlich benachteiligt.

Ein anschauliches Beispiel dafür bietet die Unterscheidung zwischen islāmischem Fundamentalismus und islāmischem Extremismus. Islāmischer Fundamentalismus beschreibt Strömungen innerhalb des Islāms, die an einer wörtlichen Auslegung des Qurʾān festhalten und gesellschaftliche Entwicklungen kritisch bis ablehnend betrachten. Viele dieser Gruppen lehnen Gewalt ab und leben eine konservative Lebensweise, die sie als bewussten Ausdruck ihrer religiösen Überzeugung in einem pluralen Umfeld verstehen. Islāmischer Extremismus hingegen stellt eine radikale Zuspitzung dar: Hier wird der Islām nicht nur als privates Glaubenssystem verstanden, sondern in ein umfassendes politisches Programm verwandelt. Extremistische Gruppen vertreten die Auffassung, dass ihre religiösen Überzeugungen mit allen Mitteln – auch durch Terror – durchgesetzt werden sollen. Sie streben eine islāmische Ordnung an, die demokratische Prinzipien ablehnt.

Fundamentalismus ist also nicht gleich Extremismus. Aber aus Fundamentalismus kann Extremismus entstehen, wenn religiöse Überzeugungen für politische Machtansprüche genutzt werden.

3. Zusammenhang zwischen Fundamentalismus und Extremismus

Wenn der Glaube an die eigene Wahrheit so stark wird, dass andere abgewertet oder ausgegrenzt werden, kann daraus Extremismus entstehen. Wenn zudem politische Macht oder Einfluss mit ins Spiel kommen, entstehen dadurch oft Spannungen und Konflikte.

Fundamentalismus und Extremismus sind zwar nicht dasselbe, aber sie können ineinandergreifen. Fundamentalistische Überzeugungen bieten manchmal den Boden, auf dem extremistisches Denken wächst. Besonders dann, wenn Menschen glauben, dass nur ihre Sichtweise zählt und alle anderen falsch oder gefährlich sind.

Fundamentalisten lehnen meist Veränderungen ab und wollen an alten Regeln festhalten. Das allein macht sie noch nicht extrem. Doch wenn sie beginnen, ihre Ansichten anderen aufzuzwingen oder politische Strukturen verändern wollen, wird es problematisch. Dann kann aus einer festen Überzeugung ein radikaler Kampf gegen andere Meinungen, Lebensweisen oder die bestehende Ordnung werden.

Gerade im religiösen Bereich ist die Grenze oft schwer zu ziehen. Religiöser Fundamentalismus wird zur Gefahr, wenn er nicht nur das eigene Leben prägt, sondern auch anderen vorschreiben will, wie sie zu leben haben und dies mit politischem Druck oder sogar Gewalt durchsetzt.

So entsteht ein Zusammenhang: Aus starren Glaubensüberzeugungen (Fundamentalismus) kann politisch motivierte Ablehnung gegenüber anderen Gesellschaften (Extremismus) entstehen. Dieser Übergang verläuft schleichend, von innerer Überzeugung zu öffentlicher Intoleranz, von Rückzug zur aktiven Ablehnung, von friedlicher Ablehnung zur gewaltsamen Veränderung. Dennoch bleibt es wichtig hervorzuheben, dass nicht jeder Fundamentalist ein Extremist ist. Aber viele Extremisten waren zuvor Fundamentalisten. Entscheidend ist, ob jemand nur glaubt oder ob er auch kämpft, unterdrückt oder zerstört. Dabei darf nicht übersehen werden, dass weder Religionen noch die meisten Ideologien ihrem Wesen nach extremistisch sind. Es sind Menschen, die durch bestimmte Auslegungen und Handlungen eine Lehre in eine politische Waffe verwandeln. Die Gefahr geht nicht von der Religion selbst aus, sondern von jenen, die sie missbrauchen, um politische oder gesellschaftliche Machtansprüche durchzusetzen.

4. Wahre Prävention

Die Unterscheidung zwischen Fundamentalismus und Extremismus ist wichtig – doch allein das Erkennen reicht nicht aus. Um Radikalisierungsprozesse zu verhindern, braucht es aktive Aufklärungsarbeit. Dabei ist insbesondere die religiöse Bildung entscheidend. Fundamentalistisches Denken kann sich dort gefährlich zuspitzen, wo Glaubensfragen nicht mit fachlicher Tiefe, sondern mit ideologischem Eifer beantwortet werden.

Um dem entgegenzuwirken, braucht es eine enge Kooperation der islāmischen Theologie mit beispielsweise mit Pädagogik, Psychologie und Soziologie. Sie müssen gemeinsam daran arbeiten, wie religiöse Inhalte sachlich korrekt und verantwortungsvoll vermittelt werden können. Ziel ist es, ein religiöses Bewusstsein zu fördern, das Raum für Nachdenken, Offenheit und Gewissensbildung lässt.

Ein besonders wichtiger Punkt ist die Unterscheidung zwischen Religion und Terrorismus. Religion lädt nicht zum Terror ein, jedoch missbrauchen Terroristen religiöse Begriffe, um ihren Handlungen einen scheinbaren Sinn zu verleihen. Die Gefahr liegt darin, dass Menschen ohne ausreichendes Wissen sich berufen fühlen, theologische, religiöse Aussagen zu treffen oder religiöse Führungsrollen einzunehmen. Wer ohne fundierte Ausbildung religiöse Deutungen vornimmt, handelt nicht nur unbefugt, sondern öffnet extremistischen Ideen die Tür.

Extremismus findet seinen Nährboden nicht in der Religion selbst, sondern in jenen, die ohne Kenntnis und Verantwortung religiöse Aussagen verzerren, sich selbst zu Deutern erklären und dabei Menschen in die Irre führen.

Die Lösung liegt darin, dass qualifizierte Fachkräfte in den Vordergrund treten: islāmische Theologen mit fundierter Ausbildung und beispielsweise Pädagogen mit Erfahrung, Psychologen und Soziologen mit Verständnis für gesellschaftliche Abläufe, besonders im Bereich Fundamentalismus und Extremismus. Sie sind gefordert, Bildungsarbeit in Moscheen, Schulen und sozialen Einrichtungen zu leisten. Besonders gefragt sind Fachleute, die selbst aus der muslimischen Gemeinschaft kommen, also Muslime sind. Weil sie zur Gemeinschaft gehören und den Glauben von innen heraus gut kennen, können sie besonders wirkungsvoll aufklären und Vertrauen schaffen. Sie kennen die religiösen Inhalte, kulturellen Hintergründe und inneren Strukturen gut und können aufgrund ihrer eigenen Überzeugung wirksam aufklären. Ihre Kombination aus Fachwissen und Nähe zur Lebenswelt der Menschen macht sie zu wichtigen Brückenbauern im Umgang mit sensiblen Themen.

Damit diese Aufklärungsarbeit nachhaltig wirkt, braucht es nicht nur Nähe zur Gemeinschaft, sondern auch theologische Kompetenz. Denn religiöse Fragen sind anspruchsvoll und dürfen nicht beliebig ausgelegt werden. Genau hier zeigt sich, wie wichtig eine qualifizierte Deutung religiöser Quellen ist. So ist beispielsweise der Qurʾān eine Quelle der Orientierung für alle Gläubigen. Doch seine Auslegung, seine Interpretation im gesellschaftlichen Kontext, gehört in die Hände von Fachleuten. Nicht jeder, der predigt, ist ein Fachmann. Und nicht jeder Fachmann predigt. Es ist aber unabdingbar, dass jeder, der predigt, fundiertes Wissen darüber hat, wovon er spricht. Nur durch eine verantwortungsvolle, auf Wissen gegründete religiöse Bildung kann verhindert werden, dass aus religiösem Eifer eine extremistische Haltung entsteht. Gute Bildungsarbeit ist der nachhaltigste Schutz gegen extremistische Fehlentwicklungen.

5. Schluss und Ausblick

Fundamentalismus und Extremismus entstehen nicht zufällig. Sie entwickeln sich oft aus Unsicherheit, Ausgrenzung oder dem Gefühl, nicht gehört zu werden. Wichtig ist dabei: Nicht jeder, der stark an etwas glaubt, ist gleich extremistisch. Aber wenn Überzeugungen mit Gewalt, Ausgrenzung oder Machtansprüchen verbunden werden, wird es gefährlich für die Gesellschaft.

Deshalb braucht es klare Aufklärung und gute Bildung. Vor allem im religiösen Bereich ist es wichtig, dass Fachleute, gut ausgebildete Theologen, Pädagogen und Soziologen der Mehrheitsgesellschaft Orientierung geben. Besonders wirksam sind Menschen, die selbst aus der muslimischen Gemeinschaft kommen. Sie kennen den Glauben gut und haben das Vertrauen der Menschen.

In Zukunft sollte mehr in Bildungsarbeit investiert werden, insbesondere in Moscheen, Schulen und sozialen Einrichtungen. Denn wer frühzeitig lernt, versteht und fundiertes religiöses Wissen erlernt, ist für radikale Ideen nicht anfällig.

6. Bibliographie

Bundesamt für Verfassungsschutz. „Zahlen und Fakten“. Zugegriffen 24. Juni 2025. https://www.verfassungsschutz.de/DE/themen/rechtsextremismus/zahlen-und-fakten/zahlen-und-fakten_node.html.

Bundesministerium des Innern und für Heimat. „Extremismus“. Zugegriffen 1. April 2025. https://www.bmi.bund.de/DE/themen/sicherheit/extremismus/extremismus-node.html.

Küchler, Armin C. D., Cemal Öztürk, Sebastian Kurtenbach, und Susanne Pickel. „Vom Glauben zur Radikalisierung: Eine empirische Analyse des Zusammenspiels von Radikalisierungsanfälligkeit, religiösem Fundamentalismus und der Akzeptanz von Gesetzesverstößen und Gewalt“. Zeitschrift für Religion, Gesellschaft und Politik, Online-Vorab-Publikation, 27. Februar 2025. https://doi.org/10.1007/s41682-025-00202-0.

Pfahl-Traughber, Armin. Extremismus und Terrorismus in Deutschland: Feinde der pluralistischen Gesellschaft. 1. Aufl. Herausgegeben von Gisela Riescher, Martin Große Hüttmann, Reinhold Weber, und Anna Meine. W. Kohlhammer GmbH, 2020. https://doi.org/10.17433/978-3-17-034544-7.

Regenbogen, Arnim, und Uwe Meyer. Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Hamburg, 2013.

Vielfalt Redaktion. „kurz erklärt: RELIGIÖSER FUNDAMENTALISMUS“. Vielfalt Mediathek, 14. Februar 2022. https://www.vielfalt-mediathek.de/kurz-erklaert-religioeser-fundamentalismus.

Werkner, Ines-Jacqueline, Hrsg. Handbuch Religion in Konflikten und Friedensprozessen. Springer Fachmedien Wiesbaden, 2024. https://doi.org/10.1007/978-3-658-44929-2.


  1. Siehe vielfalt.redaktion, „kurz erklärt“. ↩︎
  2. Siehe Regenbogen und Meyer, Wörterbuch der philosophischen Begriffe, 285; Siehe Werkner, Handbuch Religion in Konflikten und Friedensprozessen, 834–36. ↩︎
  3. Siehe Regenbogen und Meyer, Wörterbuch der philosophischen Begriffe, 266. ↩︎
  4. Siehe Bundesamt für Verfassungsschutz, „Zahlen und Fakten“. ↩︎
  5. „Bestrebungen, die den demokratischen Verfassungsstaat und seine fundamentalen Werte, seine Normen und Regeln ablehnen, werden als Extremismus bezeichnet. Extremisten wollen die freiheitlich demokratische Grundordnung abschaffen und sie durch eine ihren jeweiligen Vorstellungen entsprechende Ordnung ersetzen. Häufig heißen sie Gewalt als ein geeignetes Mittel zur Durchsetzung der eigenen Ziele gut, propagieren dieses oder setzen sie sogar ein. Terrorismus ist die aggressivste und militanteste Form des Extremismus.“ Bundesministerium des Innern und für Heimat, „Extremismus“; Siehe Pfahl-Traughber, Extremismus und Terrorismus in Deutschland, 10–15; Werkner, Handbuch Religion in Konflikten und Friedensprozessen, 834–36. ↩︎
  6. Siehe Küchler u. a., „Vom Glauben zur Radikalisierung“, 5ff. ↩︎