Quelle und Hermeneutik

Die innere und äußere Dimension des Islam

Der Islam besteht aus einer äußeren und einer inneren Dimension. Während sich die äußere Dimension auf sichtbare Praktiken wie Gottesdienste, rechtliche Normen und soziales Handeln bezieht – einschließlich der vernachlässigten Beziehung zur Umwelt – steht die innere Dimension…

für die spirituelle Entwicklung, die ethische und intellektuelle Vervollkommnung des Charakters und die Hinwendung zur Transzendenz. In der heutigen Zeit ist gerade diese innere Dimension weitgehend in den Hintergrund geraten.

Die Grundlage beider Dimensionen sind die islamischen Quellen: Der Qurʾān, der als direktes Wort des Schöpfers aller Welten (kalām Allāh) gilt und trotz seiner göttlichen Absolutheit neben festen Inhalten auch eine Dynamik an Bedeutungen für unterschiedliche Zeiten und Kontexten zulässt, sowie die Sunna des Propheten Muḥammad ﷺ (mit dem der Frieden und Segen sei). Hinzu kommen der Konsens der Gelehrten (iǧmāʿ) und der Analogieschluss der Gelehrten (qiyās) als ergänzende Rechtsquellen. Um diese Quellen auf neue Kontexte zu übertragen, entstand eine Vielzahl wissenschaftlicher Disziplinen, die auf unterschiedliche Aspekte der islamischen Lehre spezialisiert sind.

 

Hikma wird sich dabei insbesondere auf die wissenschaftliche Pflege dieser Disziplinen und deren kontextgerechte Anwendung im deutschsprachigen Raum konzentrieren. Folgende fünf Disziplinen der islamischen Religionslehre stehen hierbei im Fokus:

Unsere fünf Disziplinen der islamischen Theologie

1. Qurʿān und Tafsīr (Koranexegese)

Auslegung und systematische Kontextualisierung des Qurʾān unter Berücksichtigung sprachlicher, historischer und hermeneutischer Aspekte sowie der Offenbarungsanlässe.

2. Ḥadīṯ und Muṣṭalaḥ (Überlieferung und Methodologie)

Untersuchung der Aussagen, Taten und Billigungen des Propheten Muḥammad ﷺ (mit dem der Frieden und Segen sei) sowie deren Authentizitätsprüfung und Anwendung auf neue Situationen.

3. Uṣūl ad-dīn und Kalām (Glaubenslehre und rationale Theologie)

Begründung und Verteidigung der Glaubensgrundsätze (Allāh, Prophetie, Jenseits) mittels Vernunft und systematischer Argumentation.

4. Uṣūl al-fiqh und Fiqh (Rechtsmethodologie und islamisches Recht)

Methoden der Normenherleitung aus den Quellen sowie deren Anwendung in rechtlichen und ethischen Fragestellungen des Alltags.

5. Taṣawwuf und Aḫlāq (Mystik und Ethik)

Ausbildung der inneren Haltung, Läuterung der Seele (tazkiya) und Verwirklichung ethischer Prinzipien wie Geduld, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.

“Der Islam besteht aus einer äußeren und einer inneren Dimension. In der heutigen Zeit ist gerade diese innere Dimension weitgehend in den Hintergrund geraten.”

Angesichts globaler Umbrüche und Herausforderungen des 21. Jahrhunderts wird eine neue zeitgemäße, kohärente und spirituelle Interpretation der islamischen Quellen immer drängender. Eine bloße Texttreue ohne Kontextbezug verfehlt die Intention der Offenbarung. Eine literalistische oder fundamentalistische Auslegung, die universelle ethische Anliegen ignoriert, widerspricht dem Wesen der islamischen Botschaft.

Gleichzeitig hat sich im Westen eine reduktionistische Lesart des Islams etabliert, in der eine monolithische und vereinfachte Auslegung vorherrscht, während komplexe und kontextuelle hermeneutische Traditionen kaum zur Geltung kommen. Dabei war die islamische Auslegungsgeschichte stets geprägt von Pluralität, Differenzierung und methodischer Sorgfalt.

Der Weg aus der Krise

Das Zentrum hikma setzt sich für eine ganzheitliche und kontextbewusste Relektüre der islamischen Quellen ein. Dies wird für notwendig erachtet, damit eine erneute Wiederbelebung aus der Krise im Lichte der Tradition und der Gegenwart erfolgen kann. Im Fokus stehen dabei drei Leitprinzipien:

1. Wiederbelebung

Relektüre der Quellentradition und ihrer hermeneutischen Methoden.

2. Adaption

Kritische Aneignung moderner Kontexte und deren kultureller Voraussetzungen.

3. Implementierung

Transfer der essenziellen Botschaft der Quellen in gegenwärtige Lebensrealitäten.

Ein kontextsensibler, zugleich komparativer und kosmopolitischer Zugang zum Islam kann dazu beitragen, seine ethisch-spirituellen Traditionen fruchtbar in die Gegenwart zu überführen. Indem universale Werte mit den spezifischen historischen und kulturellen Gegebenheiten vermittelt werden, entsteht ein Islambild, das sowohl anschlussfähig für die moderne Gesellschaft als auch seiner transzendentalen Tiefe verpflichtet ist.

Beiträge

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