Moral und Ethik

Team Hikma

Verbindung zwischen Gottesdienst und Moral

1. Einführung – Trennung zwischen Gottesdienst und Moral

Wie Charles Taylor mehrfach betont und kritisch analysiert, ist die Moderne von säkularen Strukturen durchdrungen, die tief in alle wissenschaftlichen Disziplinen und sozialen Lebensbereiche eingreifen.1 Entsprechend werden Gottesdienst und Moral heute häufig als voneinander getrennte Sphären wahrgenommen. Für Mohammed Hassan Al-Awamreh hingegen liegt die Größe des Islām gerade darin, dass er nicht bei einer theoretischen Lehre oder bloß äußerlich vollzogenen Ritualen stehen bleibt, sondern einen kohärenten Zusammenhang zwischen Glaube (īmān), Gottesdienst (ʿibāda) und dem Verhalten des Menschen aufzeigt.2

2. Hauptteil – Annäherung zum Gottesdienstverständnis

2.1 Gottesdienst und ʿibāda

Der Begriff Gottesdienst ist vielschichtig und variiert erheblich, da Religionen sowohl untereinander als auch in ihrer inneren Struktur unterschiedliche Vorstellungen von dem Begriff des Gottesdienstes entwickeln. Für Michael Tilly etwa stellen gottesdienstliche Handlungen eine Beziehung zu Gott her, die identitätsstiftend wirkt.3 Das bedeutet, dass die Intensität und Art der Ausübung des Gottesdienstes unmittelbaren Einfluss auf die Tiefe der Gottesbeziehung hat. Günter Lanczkowski nähert sich dem Gottesdienstbegriff aus einer religionsgeschichtlichen Perspektive und definiert ihn als jede Form der Gottesverehrung.4 Demnach kann jede Handlung, die Gott gewidmet ist – sei es im Rahmen eines Rituals oder im alltäglichen Leben – als Gottesdienst verstanden werden. Aus diesem Grund argumentiert Lanczkowski, dass „Gottesdienst“ in bestimmten Sprachräumen, wie beispielsweise im Niederländischen, auch synonym für „Religion“ verwendet wird.5

In der religionswissenschaftlichen Terminologie hingegen wird der Begriff enger gefasst. Gottesdienst meint dort eine heilige Handlung, die in rituell festgelegter Form von einer Gemeinschaft vollzogen wird, wobei sogenannte „Zelebranten“ stellvertretend für die Gemeinschaft die gottesdienstlichen Akte ausführen.6 In diesem Verständnis ist der Gottesdienst in hohem Maße durch vorgegebene Handlungen und Formeln geprägt, die entweder aus heiligen Schriften stammen oder durch religiöse Autoritäten überliefert wurden.7 Darüber hinaus zählt Lanczkowski eine Vielzahl unterschiedlicher Kultformen auf, die in verschiedenen religiösen Traditionen als gottesdienstlich gelten.8

Ein Blick in die arabischen Wörterbücher zeigt, dass dem Begriff ʿibāda, der häufig als Entsprechung für „Gottesdienst“ verwendet wird, ein zentraler Gedanke zugrunde liegt: Eine Handlung gilt nur dann als Gottesdienst, wenn sie ausschließlich Allāh gewidmet ist. Mit anderen Worten: ʿibāda richtet sich allein auf Allāh als einziges Ziel.9

Im Tāǧ al-ʿarūs wird das Wort ʿibāda mit Gehorsam (iṭāʿa) gleichgesetzt,10 wobei dieser Gehorsam insbesondere im Sinne von Demut (ḫuḍūʿ) verstanden wird.11 Das Muʿǧam al-luġat al-ʿarabiyya al-muʿāṣira definiert ʿibāda als jede Handlung, durch die sich der Mensch Allāh annähert (taqarrub).12 Im al-Muʿǧam al-wasīṭ  wird ʿibāda als eine unterwürfige, demütige Haltung beschrieben.13

Gottesdienst ist demnach kein äußerlicher, flüchtiger Akt des Körpers. Der eigentliche Ursprung des Gottesdienstes liegt in der Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf. Dies verwirklicht sich, indem der Mensch dient, verehrt, in Demut betet und Allāh mit Ehrfurcht gegenübertritt. So gelangt er zur Nähe seines Schöpfers. Das Entscheidende im Gottesdienst ist das Bewusstsein – das bewusste Wissen um den Sinn, die Ausrichtung und die Bedeutung jeder gottesdienstlichen Handlung. Deshalb wird der Mensch durch den Qurʾān aktiv dazu aufgerufen, den Gottesdienst bewusst zu praktizieren.14

2.2 Moral und Ethik im Islām

Die Ethik im Islām gründet auf dem Qurʾān, der bereits seit seiner Herabkunft als Fundament für das ethische Denken diente. Die Gläubigen entwickelten aus ihm eine originelle und eigenständige Morallehre, die den Menschen als verantwortliches Wesen in der Beziehung zu Allāh, zu seinen Mitmenschen und zu sich selbst sieht.15 Er inspiriert die Gläubigen zur höchsten ethischen Reife, die in zahlreichen Versen (āyāt) Ausdruck findet:16

Gutes Handeln wird geboten und dementsprechend belohnt;17 die Sorge um Eltern, Verwandte, Waisen, Bedürftige und Reisende gilt als Ausdruck tätiger Nächstenliebe;18 Maßhalten beim Ausgeben,19 Gerechtigkeit,20 Wohltätigkeit21 und die Bereitschaft zur Vergebung22 werden ebenso betont wie der Aufruf, den Frieden zu wahren.23 Der Qurʾān nennt explizit Eigenschaften wie Gerechtigkeit, Mitgefühl, Vergebung, Bescheidenheit, Selbstbeherrschung, Aufrichtigkeit und Dankbarkeit, um den Menschen anzuspornen, moralisch zu handeln.24

Die Ethik- und Morallehre im Islām ist also nicht bloße Theorie, sondern eine praktische Lebensordnung, die im Qurʾān grundgelegt und im Leben des Propheten Muḥammad ﷺ (mit dem der Frieden und Segen sei) vollkommen verkörpert ist. Der Qurʾān bezeugt seine moralische Größe mit den Worten: „Du besitzt einen vollkommenen Charakter.“25 Der Prophet selbst sagte: „Ich wurde entsandt, um die edlen, rechtschaffenen Charaktereigenschaften zu vervollkommnen.“26

Des Weiteren sagt er ﷺ (mit dem der Frieden und Segen sei): „Die von Allāh am meisten Geliebten sind jene, die den edelsten Charakter besitzen.“27

2.3 Die Verbindung zwischen Gottesdienst (ʿibāda) und Moral im Islām

Die enge Verbindung zwischen Gottesdienst (ʿibāda) und Moral ist ein zentrales Charakteristikum des islāmischen Menschenbildes. Im Unterschied zu rein ritualistisch geprägten Vorstellungen des Gottesdienstes, bei denen der Vollzug im Vordergrund steht, versteht der Islām jede gottesdienstliche Handlung auch als Akt der sittlichen Formung und seelischen Läuterung. Die ʿibāda richtet sich nicht nur auf die korrekte Ausführung, sondern auf die Wirkung im Inneren des Menschen – auf die Veränderung seines Denkens, Fühlens und Handelns im Lichte göttlicher Führung.28

Die ʿibāda bewahrt also nicht nur die Verbindung zum Schöpfer, sondern dient auch der inneren Reinigung (taṣfiya) und der ethischen Erziehung (tarbiya ʾaḫlāqiyya). Im täglichen rituellen Leben – sei es beim Gebet, beim Fasten, bei der Armensteuer oder bei der Pilgerfahrt – lernen gläubige Menschen Eigenschaften und Zustände, wie Geduld, Enthaltsamkeit, Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit und Mitgefühl. Diese Eigenschaften sind im Grunde genommen spirituelle Ideale, die sich im sozialen Handeln widerspiegeln.

3. Schluss

Gottesdienst (ʿibāda) und Moral bilden im Islām ein ganzheitliches Lebensprinzip, das durch den Qurʾān und den Propheten Muḥammad ﷺ (mit dem der Frieden und Segen sei) gelehrt wird. Die islāmische Perspektive durchbricht die gängige Trennung zwischen Spiritualität und Alltag, zwischen innerer Frömmigkeit und äußerem Handeln. Stattdessen entfaltet sich im Islām ein Menschenbild, das gläubige Menschen in ihrer gesamten Existenz anspricht. Angesichts der ethischen Herausforderungen der Gegenwart bietet der Islām somit ein geschlossenes, innerlich verbundenes System, in dem Gottesdienst nicht Rückzug bedeutet, sondern ein Ausgangspunkt für ein moralisch gefestigtes Leben ist. Ein Leben, das durch liebevolle Zuwendung, Gerechtigkeit und bewusstes Handeln im Licht göttlicher Führung geprägt ist und dadurch sowohl dem Individuum als auch der Gesellschaft Orientierung und Halt gibt.

4. Bibliographie

D. Aḥmad Muḫtār ʿAbd al-Ḥamīd ʿUmar. Muʿǧam al-luġat al-ʿarabiyya al-muʿāṣira: Bd. 2. ʿĀlam al-Kutub, 2008.

Lanczkowski, Günther. „I. Religionsgeschichtlich“. In Theologische Realenzyklopädie: Band 14: Gottesdienst – Heimat, Reprint 2020. Theologische Realenzyklopädie, Band 14. De Gruyter, 2020. https://doi.org/10.1515/9783110867961.

Mohammed Hassan Al-Awamreh. „Al-Imam Al-Ghazali’s View of Moral Education: Its Purposes and Pillars“. US-China Education Review B 6, Nr. 5 (2016). https://doi.org/10.17265/2161-6248/2016.05.004.

Muḥammad b. Muḥammad b. ʿAbd ar-Razzāq al-Ḥusainī, Abū al-Faiḍ, al-mulaqqab bi-Murtaḍā, az-Zabīdī. Tāǧ al-ʿarūs min ǧawāhir al-qāmūs. Dār al-Hidāya, o. J.

Muṣṭafā, Ibrāhīm, Aḥmad az-Zayyāt, Ḥāmid ʿAbd al-Qādir, und Muḥammad an-Naǧǧār. al-Muʿǧam al-wasīṭ. Herausgegeben von Maǧmaʿ al-luġa al-ʿarabiyya bi-l-Qāhira. Dār ad-Daʿwa, o. J.

Nursi, Said. Worte. Aus dem Risale-i Nur Gesamtwerk. Verein für Familien- und Jugendarbeit in Europa, 2007.

Taylor, Charles. A Secular Age. Cambridge, Mass: Harvard University Press, 2007. https://doi.org/10.4159/9780674044289.

Taylor, Charles. Ein säkulares Zeitalter. De Gruyter, 2018. https://doi.org/10.1515/9783110409482.

Tilly, Michael. „Gottesdienst“. In Sozialgeschichtliches Wörterbuch zur Bibel. Gütersloher Verlagshaus, 2019. https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.14315/9783641310752/html.

ʿUmaruddīn. The  Ethical Philosophy Of Al-Ghazzālī. ADAM PUBLISHERS & DISTRIBUTERS DELHI-110006, 1996.


  1. Siehe Taylor, A Secular Age; Taylor, Charles Taylor, . In beiden Werken wird der Konflikt ausführlich dargelegt und besprochen. ↩︎
  2. Siehe Mohammed Hassan Al-Awamreh, „Al-Imam Al-Ghazali’s View of Moral Education“, 313. ↩︎
  3. Vgl. Tilly, „Gottesdienst“, 225. ↩︎
  4. Vgl. Lanczkowski, „I. Religionsgeschichtlich“, 1. ↩︎
  5. Vgl. Lanczkowski, „I. Religionsgeschichtlich“, 1. ↩︎
  6. Vgl. Lanczkowski, „I. Religionsgeschichtlich“, 1. ↩︎
  7. Vgl. Lanczkowski, „I. Religionsgeschichtlich“, 3. ↩︎
  8. Vgl. Lanczkowski, „I. Religionsgeschichtlich“, 3ff. ↩︎
  9. Vgl. Tāǧ al-ʿarūs min ǧawāhir al-qāmūs, 331. ↩︎
  10. Siehe Tāǧ al-ʿarūs min ǧawāhir al-qāmūs, 330. ↩︎
  11. Siehe Tāǧ al-ʿarūs min ǧawāhir al-qāmūs, 331. ↩︎
  12. Siehe D. Aḥmad Muḫtār ʿAbd al-Ḥamīd ʿUmar, Muʿǧam al-luġat al-ʿarabiyya al-muʿāṣira:, 2:1449. ↩︎
  13. Siehe Muṣṭafā u. a., al-Muʿǧam al-wasīṭ, 580. ↩︎
  14. Siehe Sūra 2:21, 4:36, 16:36, 20:14, 36:61, 51:56 ↩︎
  15. Siehe ʿUmaruddīn, The  Ethical Philosophy Of Al-Ghazzālī, 64. ↩︎
  16. Auflistung aus ʿUmaruddīn, The  Ethical Philosophy Of Al-Ghazzālī, 65 entnommen. ↩︎
  17. Siehe Sūra 55:60. ↩︎
  18. Siehe Sūra 2:177. ↩︎
  19. Siehe Sūra 24:30–31. ↩︎
  20. Siehe Sūra 31:17. ↩︎
  21. Siehe Sūra 3:134. ↩︎
  22. Siehe Sūra 3:134. ↩︎
  23. Siehe Sūra 49:10. ↩︎
  24. Siehe ʿUmaruddīn, The  Ethical Philosophy Of Al-Ghazzālī, 66. ↩︎
  25. Siehe Sūra 68:4. ↩︎
  26. As-silsila aṣ-ṣaḥīḥa, Nummer: 45, Urteil des Hadithgelehrten: ṣaḥīḥ (authentisch), überliefert bei al-Bazzār (8949), bei Tamām in al-Fawāʾid (276) und bei al-Bayhaqī (21301). ↩︎
  27. Muḥammad ibn ʿĪsā at-Tirmiḏī, Ṣaḥīḥ al-Ǧāmiʿ, ḥadīṯ-Nr. 179. Überliefert von Usāma ibn Šarīk. Vgl. auch: aṭ-Ṭabarānī, al-Muʿǧam al-Kabīr 1:182; al-Ḥākim, al-Mustadrak Nr. 8214. ↩︎
  28. Siehe Nursi, Worte, 50ff. ↩︎