In dieser Phase wurde Säkularisierung oft als Verlust religiöser Bindung und Ausdruck wachsender Areligiosität gedeutet. Die Renaissance und Aufklärung beschleunigten und leiteten diesen Prozess überhaupt erst ein, indem sie die Deutungshoheit der Kirche infrage stellten und säkulare sowie atheistische Modelle hervorbrachten. In der Folge verlor Religion spürbar an Einfluss auf viele Lebensbereiche und gesellschaftliche Strukturen. Allerdings kam es allmählich im Ausgang des Zweiten Weltkrieges auch zu Gegenreaktionen auf die Säkularisierung. In dieser Zeit entstanden neue esoterische Bewegungen, wie etwa die New-Age-Bewegung oder diverse Formen der Patchwork-Religion und religiösen Hybriditäten. Diese schufen zwar einzelne spirituelle Inseln in einer säkularen Welt, konnten jedoch keine tiefgreifende Rückbindung an das Religiöse im umfassenden Sinn etablieren. In der gegenwärtigen postsäkularen Gesellschaft lässt sich überraschenderweise eine Renaissance des Religiösen beobachten – trotz zunehmender Kirchenaustritte in der westlichen Welt (im Sinne Europas und Nordamerikas). Dies widerspricht nicht der Präsenz religiöser Sinnsuche, sondern verweist auf deren Transformation jenseits institutioneller Formen. Diese neue Religiosität wird von Religionssoziologen (Detlef Pollack, Zygmunt Bauman) als Verflüssigung des Religiösen beschrieben: Klassische Strukturen lösen sich auf, während individuelle, synkretistische Formen spiritueller Praxis zunehmen. Traditionelle Riten und Lehren werden durch neue, oft hybride Glaubensformen ersetzt. Transzendenzvorstellungen variieren zunehmend regional und kulturell – sei es in den USA, Europa, Asien oder anderswo –, doch trotz sinkender Institutionalisierung wächst die individuelle Suche nach Sinn und Transzendenz.
„Doch trotz sinkender Institutionalisierung wächst die individuelle Suche nach Sinn und Transzendenz.“
„Echte spirituelle Oasen werden immer seltener. Gleichzeitig zeigt sich im Westen ein wachsender Bedarf nach Spiritualität.“
Islamische Spiritualität als Ressource für die Moderne
Auch der Islam – eine der weltweit größten Religionen – breitet sich weiterhin rasant aus und gewinnt auch in Deutschland immer mehr an Bedeutung. Das Bedürfnis nach einem authentischen Islam, der in der heutigen Gesellschaft kontextuell anschlussfähig ist, wächst stetig. Besonders in der Diaspora führen Diskriminierung, Ausgrenzung und Identitätsfragen oft zu einer Stärkung muslimischer Identität, die im Spannungsfeld zwischen Tradition, Kultur und Moderne steht. Gleichzeitig ist auch innerhalb der islamischen Religion ein Trend zur Individualisierung und zur Abkehr von der traditionellen islamischen Theologie bemerkbar. Daraus entstehen sowohl Suchbewegungen als auch extreme Reaktionen – von Reformbestrebungen bis hin zu radikalen Ausprägungen, die als Antwort auf Modernitätskonflikte verstanden werden können. Häufig greifen die islamischen Angebote jedoch zu kurz.
Trotz dieser Spannungen bleibt Religion für die Moderne ein zentraler Resonanzraum für Sinn, Moral und Orientierung im Leben. Monotheistische Religionen können – so etwa der Theologe Hans Küng – dem Werteverfall entgegentreten oder – wie Seyyed Hossein Nasr betont – die Krisen und Herausforderungen des Menschen und der Natur bewältigen.
Während alle Religionen spirituelle Dimensionen besitzen, gelten besonders östliche Religionen wie der Buddhismus, Hinduismus und Daoismus als Quelle innerer Werte. Doch trotz wachsender Beliebtheit von Yoga, Meditation und Achtsamkeit kritisieren Denker wie Seyyed Hossein Nasr und Ivan Illich deren Kommerzialisierung im Westen, wodurch oft die eigentliche spirituelle Wirkung verloren geht. Auch die spirituelle Tiefe des Islam, die historisch stark ausgeprägt war, wurde in weiten Teilen der muslimischen Glaubensgemeinschaft durch Kolonialismus, Diaspora-Erfahrungen und eine zunehmende Verweltlichung geschwächt. Echte spirituelle Oasen werden immer seltener. Gleichzeitig zeigt sich im Westen ein wachsender Bedarf nach Spiritualität. In einer Zeit wachsender spiritueller Leere könnte gerade der Islam mit seiner reichen Tradition, ganzheitlichen Sicht auf Körper, Geist und Seele einen entscheidenden Beitrag zur Versöhnung von Moderne und Transzendenz leisten.
Das Zentrum beschäftigt sich mit den Herausforderungen und Perspektiven religiöser Gegenwartsfragen und fördert eine reflektierte Auseinandersetzung im öffentlichen Diskurs